Ludwigshafen
Gewalt gegen Einsatzkräfte: Ein Polizist und ein Notfallsanitäter berichten
Es war im Mai des vergangenen Jahres. Der 30-jährige Polizeikommissar aus Ludwigshafen, der anonym bleiben möchte, erinnert sich noch genau an diesen Einsatz. Er und seine Kollegen – einige davon neu im Dienst – wurden zu einer randalierenden Person im Hemshof gerufen. Nachdem erst einmal niemand wusste, wo sich der Betreffende im Haus aufhält, ging plötzlich eine Tür auf. „Der Mann stand oberkörperfrei und blutend dort.“ Dann ging die Tür wieder zu. Beim nächsten Öffnen „steht er plötzlich vor mir mit einem Messer in der Hand“, berichtet der Polizist.
Es ist ein besonders schlimmes Beispiel, aber kein Einzelfall. Immer wieder erfahren Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte Gewalt im Einsatz. Das kann nicht nur gefährlich, sondern auch belastend für die Betroffenen sein. „Die Gewalt fängt schon bei der Beleidigung an“, sagt Patrick Flory. Der 31-Jährige arbeitet seit 2009 im Rettungsdienst und ist als Notfallsanitäter für die Rettungsdienst Vorderpfalz GmbH des Deutschen Roten Kreuzes mit Sitz in Ludwigshafen im Einsatz. Flory arbeitet vorwiegend in Neustadt und entlang der Weinstraße.
Häufig Beschimpfungen
Er berichtet von Situationen, in denen der Rettungswagen wegen eines dringenden Einsatzes mitten auf der Straße steht. „Wenn es um eine Reanimation oder einen Kindernotfall geht, kann ich nicht noch eine halbe Stunde lang einen Parkplatz suchen“, sagt er. Die ersten Autofahrer hinter dem stehenden Wagen mit Blaulicht fangen an zu hupen. Dann kommt sogar jemand in die Wohnung – eine fremde Wohnung –, in der Flory gerade einen womöglich in Lebensgefahr schwebenden Patienten behandelt. Dann der Satz des Ungeduldigen, wann er „das Scheiß-Auto“ endlich wegfährt. Das ist nicht nur unverschämt, sondern hindert Flory in diesem Moment auch an seiner Arbeit: Leben retten.
In verbaler Form erlebe er Gewalt „relativ häufig“, sagt der 31-Jährige. „Ich habe schon jegliche Beschimpfung gehört. Das geht bei mir links rein, rechts raus“, berichtet Flory. Das kann auch die Polizei bestätigen. „Man entwickelt schon eine dicke Haut“, sagt der 30-jährige Polizeibeamte aus Ludwigshafen. Dass er aber im vergangenen Jahr zweimal als „Hitler“ beschimpft wurde, habe ihn länger beschäftigt.
Katja Brill ist seit Oktober 2019 Leiterin der Polizeiinspektion Ludwigshafen 2 in Oppau. Ihrer Erfahrung nach gibt es einige Faktoren, die Gewalt gegen Polizisten begünstigen. Etwa wenn beim Gegenüber Alkohol, Drogen oder eine psychische Erkrankung im Spiel sind. Wer Gewalt gegenüber Polizisten ausübt, ist laut Statistik meist erwachsen, männlich, alkoholisiert und polizeilich schon bekannt, heißt es vom Polizeipräsidium Rheinpfalz. Schwierig wird es laut Brill auch, wenn der Einsatz in einem engen Treppenhaus oder einer kleinen Küche stattfindet. „Da ist die Gefahr, dass Polizeibeamte verletzt werden, größer“, sagt sie.
Was der Polizei hilft, ist das sogenannte Distanz-Elektroimpulsgerät, umgangssprachlich Taser. Oft reiche es schon, das auffällig gelbe Gerät nur hervorzuziehen, um die Lage zu beruhigen, berichten Brill und ihr Kollege. Und auch der tatsächliche Einsatz des Elektroschocks hilft nicht nur, die Polizisten zu schützen, sondern manchmal auch den Täter. Etwa beim geschilderten Fall aus dem Hemshof. Der 30-jährige Polizist setzte instinktiv seinen Taser ein – auch wenn das in einer solchen Situation mit Messer auf kurzer Distanz laut Lehrbuch nicht vorgesehen ist. Hätte er das aber nicht getan, hätte sein Kollege schießen müssen, um die Gefahr abzuwenden.
Dass die Gewalt körperlich werde, sei zum Glück selten, sagt Notfallsanitäter Patrick Flory. Doch erlebt habe er das auch schon. Etwa, als ein Betrunkener nach einem Sturz auf den Kopf ins Krankenhaus musste, das aber nicht einsehen wollte. Erst habe er Flory Gewalt angedroht und sei dann mit den Fäusten auf ihn los. „Ich habe ihn dann festgehalten, bis die Polizei kam“, berichtet er vom noch glimpflichen Ausgang. Vor einigen Jahren sei eine Frau mit einem Messer auf seinen Kollegen losgegangen. „Sie hat einfach in den Messerblock gegriffen. Aber ich konnte es noch abwehren.“
Der Wunsch nach Respekt
„Wir fahren nicht mit Angst raus“, sagt Notfallsanitäter Patrick Flory. Aber bei einigen Situationen habe man dennoch von Anfang an ein mulmiges Gefühl, etwa wenn eine Schlägerei oder Messerstecherei gemeldet ist. Gewalt kann Florys Erfahrung zufolge nicht nur von den Patienten selbst, sondern auch von Angehörigen ausgehen. „Die Zeit, die wir brauchen, um am Einsatzort zu sein, zieht sich für denjenigen, der den Notruf wählt.“ Und: „So ein Einsatz ist immer mit Emotionen verbunden.“
Sowohl die Mitarbeiter der Polizei wie auch des Rettungsdiensts wünschen sich Respekt. „Der fehlt immer mehr“, sagt Flory und sieht dabei auch ein Problem bei den Sozialen Medien, wo Menschen begeistert Videos hochladen, die zeigen, wie Feuerwehrleute an Silvester mit Böllern beschossen werden. Katja Brill sagt zu schwierigen Einsätzen: „Auch wenn wir die Handlung des Gegenübers nicht respektieren, respektieren wir den Menschen.“ Und das wünschen sie und ihre Kollegen sich im Gegenzug auch.
Zur Sache: Das sagt die Statistik
Im Einsatzbereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz kam es 2020 zu 437 Fällen von Gewalt gegen Polizeibeamte. Das ist ein Anstieg um 18,4 Prozent im Vergleich zu 2019. Blickt man auf die vergangenen fünf Jahre, sind die Zahlen zwar schwankend, „aber in der Langzeitbetrachtung sind sie stark gestiegen“, sagt Polizeisprecherin Ghislaine Werst. Von 2012 (320 Fälle) bis 2020 sei es ein Anstieg um 37 Prozent. Die Anzahl der dabei verletzten Polizisten ist seit 2017 immer weiter gesunken: auf 96 im Jahr 2020. Die häufigste Form der Gewalt ist die Beleidigung (44,19 Prozent im Jahr 2020). Von 445 erfassten Tatverdächtigen (davon 16,4 Prozent weiblich) handelten 56 Prozent unter Drogen- und/oder Alkoholeinfluss. Was den Rettungsdienst betrifft, hat eine nicht repräsentative Studie des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit 425 Teilnehmern Anfang dieses Jahres ergeben, dass verbale Gewalt wie Beleidigungen und Beschimpfungen bei fast jedem fünften Mitarbeiter mindestens ein- bis zweimal pro Woche vorkommen. Überhaupt seien auch hier die meisten Übergriffe verbal (40,3 Prozent). Alkohol und Drogen spielen auch hier eine große Rolle. Die häufigste Form tätlicher Übergriffe sind laut Studie Schlagen, Treten und Schubsen.