Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Geschichten aus der Revolutionszeit: Ein Dorf begehrt auf

Kristallisationspunkt der Revolution: Wilhelm Stamm (mit Hut), Vorsitzender des Fördervereins Historisches Seckenheim, bei seine
Kristallisationspunkt der Revolution: Wilhelm Stamm (mit Hut), Vorsitzender des Fördervereins Historisches Seckenheim, bei seiner Führung durch den Ort.

Mannheim und umliegende Orte waren Zentren der Revolution von 1848/49. Auch das damals noch selbstverwaltete Seckenheim war ein Brennpunkt der liberalen Bewegung. Welche Kreise das zog, belegt nicht zuletzt ein Gedicht von einem berühmten Dichter, das dem damaligen Bürgermeister der Neckargemeinde gewidmet ist.

Ein Schloss als Krankenstation, ein Gastwirt, der mit Revolutionsführern engen Kontakt hält: Unter dem Titel „175 Jahre Badische Revolution“ unternahm der Förderverein Historisches Seckenheim anlässlich des Tags des Offenen Denkmals einen Spaziergang durch die Geschichte des 1930 eingemeindeten Mannheimer Ortsteils. Knapp 90 Jahre zuvor ist die durchaus wohlhabende Bauerngemeinde bereits ein Kristallisationspunkt des aufkommenden Demokratiebegehrens nach französischem Vorbild. Das liegt vor allem an zwei Namen: Johann Georg Hörner, ab 1832 Bürgermeister von „Seggene“, und Gastwirt Mathäus Eder.

Beide stehen schon lange vor 1848 mit den Rechtsanwälten und späteren Revolutionsanführern Friedrich Hecker, Alexander von Soiron und Gustav Struve in Verbindung. Mal geht es um die Verlegung des Friedhofs, dann um die geforderte Ablösung der Feudalabgaben. „Sie kontaktierten sie vor allem zur Unterstützung bei Rechtsstreitigkeiten mit der badischen Obrigkeit“, verrät der Vorsitzende des Fördervereins, Wilhelm Stamm, bei der 90-minütigen Führung. Die beginnt beim Stengelschen Schlösschen, einst der Sitz von Freiherr von Stengel. Gastwirt Eder aber hatte als Vorstand des frisch gegründeten Demokratischen Vereins etwas anderes damit vor: ein Krankenhaus und Pflegeheim für alle sollte das Schlösschen werden, mit einem Garten, der für die Bevölkerung frei zugänglich sein soll.

Bei Revolution mobil gemacht

Allein, aus der Enteignung wurde nichts. Wie so oft scheiterten die Ideen für eine liberalere Gesellschaft am Großherzogtum. Auch der Friedhof wurde verlegt. Die Seckenheimer reagierten auf ihre Weise. „Zwei Jahre lang soll keiner mehr gestorben sein“, bringt Stamm bei seinem Rundgang die rund 25 Teilnehmer auch zum Schmunzeln. Nicht nur Hecker und Co. aber unterstützen die Seckenheimer dabei, weiter „Opposition zu machen“, wie es auf einer der historischen Tafeln heißt. Auch das bereits 1844 verfasste Gedicht „Der Bürgermeister von Seckenheim“ aus der Feder des Nationalhymne-Texters Hoffmann von Fallersleben, das heute noch auf dem Friedhof in Seckenheim zu lesen ist, zeugt von einer gewissen Reichweite des damals als fortschrittlich geltenden Bürgermeisters.

Ein „Amtsmann“ glaubt da zunächst, leichtes Spiel zu haben, die Bürger und Bauern zu unterdrücken und ihnen von der Wahl eines Liberalen abzuraten. Der einer wohlhabenden Bauernfamilie entstammende und mehrmals wiedergewählte Hörner aber antwortet als lyrische Figur in dem Lied: „Wir Bauern, wir brauchen zu unserem Gedeih’n, nichts weiter als Regen und Sonnenschein. Und Regen und Sonnenschein gebt ihr uns nicht. Und Regen und Sonnenschein nehmt ihr uns nicht.“ Es ist als Symbol für das Aufbegehren gegen das Großherzogtum Baden zu verstehen. Und tatsächlich macht auch Seckenheim bei der Revolution mobil.

Haft oder Erschießung entkommen

Im Maiaufstand von 1849 stellt „Seggene“ eine 54 Mann starke Bürgerwehr zusammen, die gemeinsam mit dem zu den Revolutionären übergelaufenen badischen Militär gegen die Preußen kämpft. Hörner zeigt sich da zwar eher gemäßigter, Eder aber zieht als „Radikaldemokrat“ in den Kampf. „Underdogs neigen eher zur Revolte“, betont Stamm. Letztlich aber scheitert die Revolution, die Festung in Raststatt wird von preußischen Truppen eingenommen. Nach der Rückkehr finden sich viele Seckenheimer auf der Fahndungsliste der großherzoglichen Behörde. Bürgermeister Hörner verliert sein Amt und seine Reputation, gegen Gastwirt Eder wird ein Hochverratsprozess angestrengt. Letztlich entkommen jedoch beide einer Haft oder Erschießung. Bis 1888 jedoch wandern rund 130 Seckenheimer Bürger nach Amerika aus.

„Hörner verkörpert ein ganz frühes Beispiel demokratischer Kommunalpolitik. Er vertritt konsequent die Mehrheitsinteressen seiner Gemeinde und ist der erste politische Bürgermeister Seckenheims im heutigen Sinne“, betont Stamm. Und sein Andenken wird nicht vergessen. Zwar wurde um 1960 die ursprüngliche Erinnerungsstele entfernt. 2019 aber errichtet der Förderverein erneut eine Gedenkstele samt dem Fallersleben-Gedicht. Im Neubaugebiet „Hammonds Barracks“ wird zudem der zentrale Platz nach Hörner benannt, und auch Gastwirt Eder eine Straße gewidmet.

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