Ludwigshafen Geschichten aus dem Nähkästchen
„Als Junge hatte es mir das Stopfei so richtig angetan“, erzählt Manfred Hofmann aus Mutterstadt. „Damit konnte man so schön spielen.“ Das sei in einer Zeit gewesen, als Socken noch aus Wolle waren und oft von den Frauen selbst gestrickt wurden. „Hatten die Socken ein Loch, wurden sie selbstverständlich gestopft.“ Aber Hofmann hat nicht nur mit dem Stopfei gespielt. „Meine ersten Erfahrungen im richtigen Gebrauch des Stopfeis machte ich zu Beginn der 1960er-Jahre bei der Bundeswehr“, erinnert er sich. „Mit drei Paar Socken musste man sehen, wie man über die Runden kam.“ Jeder Soldat habe sein eigenes Nähzeug gehabt, in dem die passende graue Wolle enthalten war. Da kam das private Stopfei gerade recht. So manche Socke wurde da gestopft. „Anscheinend hatte ich ein gewisses Talent im Stopfen entwickelt, so dass meine Kameraden gerne meine Dienste in Anspruch nahmen“, erzählt Hofmann. „Des Öfteren wurde mir dann schon mal ein Glas Bier in der Kantine spendiert. Ein kleines Bier kostete damals 30 Pfennige.“ Wiederentdeckt Aus dem Besitz ihrer Eltern hat Melitta Kreibiehl aus Maxdorf ein Nähkästchen. „Ihm wurde aber keine besondere Bedeutung beigemessen, bis dann dieser Artikel in der Zeitung erschien, ich nachgeschaut habe und das gut gebrauchte Stopfei entdeckte“, erzählt sie. Aus ihrer Schulzeit hat sie noch einen Stopfpilz mit dem sie Handarbeiten gemacht hat. „So haben sich beide – Stopfei und Stopfpilz aus früherer Zeit, in der man noch Strümpfe gestopft hat – gefunden und werden auch in Ehren aufbewahrt.“ Kunstvolles Handwerk Doris Jungkind aus Waldsee wurde an das alte Nähkästchen ihrer Mutter erinnert. Sofort habe sie es durchstöbert. „Und tatsächlich fand ich noch ein wunderschönes Vollholz-Stopfei“, erzählt sie. „Ich nehme an aus Eichenholz.“ Noch heute sehe sie ihre Mutter vor Augen, wie sie am Abend in der Küche sitzt und Strümpfe stopft. „Manchmal hat sie sogar Nylonstrümpfe, die am Zehen kleine Löcher hatten, mit dem Stopfei kunstvoll geschlossen.“ Es sei eine wirklich anspruchsvolle Arbeit gewesen. „Es war eine schöne Zeit in den 1960er-Jahren“, sagt Junghans. „Es wurde so viel wie möglich selbst repariert. Nicht nur Socken, sondern auch Löcher in selbst gestrickten Pullis und Westen, meistens an den Ellenbogen, oder auch Löcher in den gestrickten Strumpfhosen wurden kunstvoll mit Stopfei und spezieller Stopfwolle wieder tragbar gemacht. Eine wirklich aufwendige Arbeit.“ Für große und kleine Socken Jede Hausfrau habe ein Stopfei in ihrem Nähkästchen gehabt, erzählt Doris Rittmann aus Birkenheide. Zum Stopfei habe auch noch einiges an Zubehör gehört: ein Fingerhut, das Nadelkissen und die Kärtchen mit der Stopfwolle in allen Farben. Schließlich sollte es so wenig wie möglich auffallen, dass etwas gestopft war. „Meine Mutter hatte zwei Stopfeier“, erinnert sich Rittmann. Sie seien aus Holz und bunt angemalt gewesen. „Es waren ein großes Ei für Damen- und Herrensocken und ein kleines Ei für Kindersocken.“ Später habe sich ihre Mutter noch einen Stopfpilz gekauft. Auch dieser war aus Holz und wie ein Fliegenpilz bemalt. Mittlerweile seien diese Utensilien eigentlich überflüssig geworden, da es Socken ja preisgünstig zu kaufen gebe. Noch heute wird gestopft Geschichten aus vergangenen Zeiten hat Martina Hoffmann aus Hochdorf-Assenheim von ihrer Schwiegermutter Hedwig Hoffmann (88) erzählt bekommen, nachdem „Marktplatz regional“ nach den Stopfeiern gesucht hat. Ihre Schwiegermutter habe ihr auch ihre Sammlung von Stopfpilzen und Stopfeiern präsentiert. „Früher in den Familien mussten die Töchter schon recht früh im Haushalt mithelfen und lernten von Großmutter und Mutter die verschiedenen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten“, erzählt Martina Hoffmann. Die Aufgaben seien untereinander aufgeteilt worden und so übernahm ihre Schwiegermutter sehr oft die gesamten Stopfarbeiten, die in der Familie anfielen. „Vielleicht, weil sie es am liebsten machte und am besten konnte.“ Noch heute hole sie ihren Näh- und Stopfkorb hervor, wenn sich wieder einmal ein paar Löcher in Lieblingsstrümpfe eingeschlichen haben. „In unserer heutigen Wegwerfgesellschaft lernt man solche handwerkliche Arbeiten nicht mehr“ sagt Martina Hoffmann. „Bei meiner Schwiegermutter werden Strümpfe mit einem kleinen Loch nicht einfach weggeworfen.“ Familienerbstück Von ihrer Mutter hat Monika Brand aus Mutterstadt ihr Stopfei vor langer Zeit bekommen. Nach dem Stopfei sei der Stopfpilz in Mode gewesen. „Ich halte diesen unbenutzten Gegenstand in Ehren und Gedenken an meine Mutter so lange wie ich lebe auf“, erzählt sie. Auch von ihrer Mutter hat Helga Six aus Böhl-Iggelheim ihr Stopfei geerbt. das war zu Anfang ihrer Ehe, erinnert sie sich. „Doch eines Tages brachte sie mir ein Marmorei mit, das ich dann jahrelang benutzte“, berichtet Six. „Mittlerweile stopfe ich keine Socken mehr. So preiswert, wie diese sind, lohnt sich das Stopfen nicht mehr.“ Das Marmorei stehe nun hinter Glas im Schrank. Petra Schneider aus Fußgönheim hat ihr Stopfei auf dem alten Nähkästchen ihrer Oma drapiert. Zudem liegt auf dem Kästchen ein Nadelheft, dass sie im Handarbeitsunterricht vor 45 Jahren bestickt hat. Bärbel Zimmermann aus Maxdorf hat ihr Stopfei auch von ihrer Oma. „Damit hat sie Wollsocken gestopft“, sagt sie. „ Ich hatte noch das Glück, in der Schule mit dem Ei das Stopfen zu lernen.“ „Auch ich habe ein solches Stopfei in meinem Nähkästchen“, berichtet Ute Schneider aus Fußgönheim. „Es gehörte einst meiner Großmutter.“ Außerdem besitze sie noch einen Stopf-Pilz, der angemalt worden sei und auch aus Großmutters Zeiten stamme. „Ab und zu ist das Stopf-Ei noch in Gebrauch, wenn ich etwas an einem Strickpullover oder an einem Socken ausbessern muss.“ Früher sei es sicher sehr oft im Einsatz gewesen, man sehe es an den Spuren auf dem Ei. Adenauers Erfindung „Im Nähkasten, den ich von meiner Mutter übernommen habe, befindet sich selbstverständlich auch ein Stopfei aus hellem Holz mit Lackschicht“, erzählt Erika von Usslar aus Schifferstadt. „Ich bevorzuge, wenn ich mal was stopfen muss, den Stopfpilz, genauer gesagt den roten Hut vom Pilz.“ Denn der Stiel sei nicht mehr vorhanden. Zur Not könne auch der Zeigefinger als Stiel dienen. „Mein Stopfpilz ist ein ganz einfaches Modell, im Gegensatz zu einem Stopfpilz mit Beleuchtung.“ Das Patent für diesen ist 1938 von Konrad Adenauer angemeldet worden. „Das war sicher zu dieser Zeit eine sehr sinnvolle Erfindung“, findet von Usslar. „Aber heute hat sich diese Erfindung überholt, da man – zumindest im Privathaushalt – kaum mehr stopft, den Stopfpilz wenig braucht und die Extra-Beleuchtung dafür gar nicht.“ (cju)