Ludwigshafen
Gesangverein 2.0: Wie sich Ruchheims ältester Verein neu erfunden hat
Vor der Pandemie war der Gesangverein bekannt für sein anspruchsvolles Repertoire mit Partituren von Schubert und Beethoven, vierstimmig vorgetragen unter dem Dirigat des legendären Ottmar Öhring. Im Frühjahr 2020 mussten auch die Sänger die Notbremse ziehen. Als die Lockerungen nach und nach Versammlungen und damit auch Singstunden erlaubten, kristallisierte sich heraus, dass ein erheblicher Teil des Klangkörpers nicht zurückkehren würde, sei es mit Rücksicht aufs fortgeschrittene Alter, auf die eigene Gesundheit oder wegen verlagerter Freizeitaktivitäten. Von einst gut zwei Dutzend Sängern sind jedenfalls nur noch 14 geblieben, der Chor hatte sich nahezu halbiert.
Weshalb der langjährige Vorsitzende (und mittlerweile Ehrenvorsitzende) Wolfgang Scharfenberger auf der Jahreshauptversammlung vor gut einem Jahr die Gretchenfrage stellte: Stellen wir den Singbetrieb ein oder machen wir weiter? Und wenn ja, wie? Mit der Rumpfbesetzung konnten jedenfalls keine vierstimmigen Sätze mehr eingeübt werden. Was wiederum ein wesentlicher Grund dafür war, dass Öhring sich nach 28 Jahren verabschiedete und es damit nicht nur ein angepasstes Repertoire brauchte, sondern auch einen neuen Dirigenten.
„Habbder guud gemacht“
Neun Monate nach der Zäsur ist der Neustart geglückt. Beim ersten öffentlichen Auftritt vor großem Publikum löste der Gesangverein Mitte Januar beim Neujahrsempfang Begeisterungsstürme unter den 350 Gästen im Gemeinschaftshaus aus. Danach haben die Sänger zig Komplimente per Whatsapp erreicht, auch vom evangelischen Pfarrer Seung-Min Her. „Habbder guud gemacht“, rief eine Ur-Ruchheimerin dem Vize-Vorsitzenden Wolfgang Eiermann tags darauf auf der Straße zu.
Wie hat der Gesangverein Ruchheim die Kurve gekriegt? Mit drei Liedern, die ins Ohr gehen und im Kopf bleiben. Dem Seemann, der das Träumen lassen soll, Freddy Quinns brennend heißem Wüstensand, und der eifersüchtigen Anneliese, die nicht mehr böse sein möge. Der Charme dieses Arrangements: Zumindest die Refrains konnten die meisten Zuhörer mitsingen. Und die Akteure hatten sichtlich Spaß am Miteinander, kamen in Bewegung, übten sich in kleinen Slapstickeinlagen. Am Ende machte sich Eiermann schier verzweifelt auf die Suche nach einer Anneliese im Publikum, um ihr einen Blumengruß der Sänger zu überreichen. Es sollte letztlich eine Alice werden, genauer: Alice Schuler, Sängerin im gemischten Ruchheimer Chor und Chorleiterin beim Volkschor in Birkenheide.
Chansons statt vierstimmige Sätze
Die Liedauswahl hatte Fritz Strahberger getroffen. Der bisherige Vize hatte nach Öhrings Ausscheiden das Dirigat übernommen und den Zeitgeist getroffen. In der Vergangenheit hatten die Ruchheimer Sänger zwar auch immer wieder mal ein populäres Chanson von Reinhard May oder Udo Jürgens eingeflochten. Im Wesentlichen waren sie aber im klassischen Genre zuhause, sind damit unter anderem beim deutschen Chorfest in Leipzig aufgetreten.
Dass sie als Ruchheimer Wiedergeburt der Comedian Harmonists durchgehen würden und mit dieser neuen Färbung durchaus für die Prunksitzung der Ruchemer Schlosshogger empfehlen, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. „Die Sangesbrüder haben sich auf meinen Vorschlag eingelassen“, ist Strahberger erleichtert. Der vereinsinterne Stimmungstest beim Familienabend im Herbst bestärkte die Sängerschar in ihrem Eindruck, auf einem guten Weg zu sein.
„Auf Messers Schneide“
So kann es weitergehen mit dem Gesangverein 1862. Ob er sich auf dieses Spektrum spezialisiert, ist noch in der Klärung. Bei der Nachbesprechung im Gemeinschaftshaus gehen die Meinungen freundschaftlich-jovial auseinander, in welcher Tendenz die Auswahl auf- und ausgebaut werden könnte. Offenheit in alle Richtungen ist jedenfalls da. Shantys kann sich Scharfenberger gut vorstellen, weitere Balladen von Bette Midler sein Vize Eiermann. Zweistimmig klassisch sollte auch noch hinzubekommen sein. Und auch ein Gemeinschaftskonzert, etwa mit dem benachbarten Singverein Oggersheim, wäre vorstellbar.
So oder so denkt Ruchheims ältester Verein weiter, um jung zu bleiben. Und um Nachwuchs zu gewinnen. Der jüngste Sänger wird bald 32, das Durchschnittsalter liegt im Rentenalter, nach der Zäsur im vorigen Jahr allerdings von Jungrentnern. Ein neuer Auftritt ist noch nicht geplant, „aber die Kerwe bietet sich natürlich an“. „Die Lage war bedrohlich, ohne diesen Schnitt hätte die Zukunft des Vereins auf Messers Schneide gestanden“, gibt sich der Vorstand keiner Illusion hin. „Und wer weiß, wenn sich Pfarrer Her schon als Fan outet, vielleicht gewinnen wir ihn auch als Sangesbruder.“
Termin
Singstunde ist dienstags ab 20 Uhr im Gemeinschaftshaus Ruchheim. Nähere Infos beim Vorsitzenden Wolfgang Scharfenberger oder seinem Stellvertreter Wolfgang Eiermann, Telefon 06237 5894 oder per E-Mail an wolfgang.eiermann@kabelmail.de.