Mannheim
Geiger Tobias Feldmann über den Schaden für die Musikszene durch die Corona-Pandemie
Herr Feldmann, inwieweit sind Streamingkonzerte für Sie zur Normalität geworden? Oder fremdeln Sie noch?
Als Künstler ist man wahnsinnig froh, dass man die Gelegenheit bekommt, auch mal wieder mit Orchester zu spielen – und weil man weiß, dass man Menschen damit beglücken kann, dass sie wieder in den Kontakt mit klassischer Musik kommen. Nichtsdestotrotz ist da immer der Wermutstropfen dabei, weil man ein Livekonzert mit nichts ersetzen kann. Das ist einem als Künstler bewusst, und ich hoffe, dem Publikum auch. Es schwingt auch immer ein bisschen die Sorge mit, dass man sich zu schnell darauf verständigt, dass das zur neuen Normalität wird, was nicht der Fall sein darf.
Man spürt, dass Sie Konzerte vor Saalpublikum sehr vermissen.
Ja natürlich, denn es fehlt einfach die Emotion, die auch in einem selbst geweckt wird beim Spielen. Und es ist ja auch so, dass man auf der Bühne nicht komplett isoliert ist von seinem Umfeld und es immer eine Interaktion mit dem Publikum gibt. Dagegen ist es eine sehr sterile Atmosphäre, wenn man vor einer Kamera spielt und keine Gefühle von der anderen Seite zurückbekommt.
Befürchten Sie, dass die Kulturszene in Deutschland durch die Coronapandemie nachhaltig geschädigt wird?
Das denke ich schon, zumindest in den nächsten paar Jahren wird es sicher Einschnitte geben, Ich sehe das in meiner Tätigkeit als Professor und habe schon gehört, dass die Zahl der Neuanmeldungen zurückgeht. Man kann das verstehen, wenn sich junge Menschen nach dem Abitur die Frage stellen: Möchte ich jetzt Musik studieren? Das ist vor dem Hintergrund einer solchen Pandemie eine noch schwerere Entscheidung als sie es vorher schon war. Es war ja vor Corona schon so, dass für die Kultur immer weniger Geld da war.
Auf der anderen Seite habe ich auch ein bisschen die Hoffnung, dass bei den Menschen nach einem oder eineinhalb Jahren ohne Livekonzerte wieder die Neugier auf das Konzerterlebnis da ist. Deshalb kann es sein, dass die klassische Musik eine Art Revival erlebt.
Sie sind ja Lehrender, wie gut lief die Umstellung auf digitalen Unterricht?
Am Anfang war zunächst eine große Verunsicherung da, und es war für die Verwaltung der Hochschule ein Riesenaufwand, das alles so zu organisieren, dass es funktioniert. Das war alles Neuland, weil zuvor niemand Online-Aufnahmeprüfungen gemacht hat. Der Onlineunterricht war das Hauptmittel, um überhaupt unterrichten zu können. Das hat sich mit der Verbesserung der Lage zum Sommer hin aufgeweicht, so dass mehr Präsenzunterricht möglich war. Stand jetzt habe ich eine gute Kombination gefunden aus Online- und Präsenzunterricht. Das heißt, ich fahre alle zwei Wochen nach Würzburg, um dort Doppelstunden zu geben, und in der Zwischenzeit findet der Unterricht online statt.
Mei-Ann Chen wird die Dirigentin beim 3. Akademiekonzert in Mannheim sein. Haben Sie vorher schon mit ihr zusammengearbeitet?
Ja, gerade im Dezember hatten wir ein Streamingprojekt in Österreich, damals mit dem Tonkünstlerorchester Wien, mit dem wir Samuel Barbers Violinkonzert aufgenommen haben. Kennengelernt haben wir uns in Finnland in Tampere, wo wir Bruchs Violinkonzert zur Aufführung gebracht haben. Mittlerweile verbindet uns eine Freundschaft. Wir arbeiten sehr gerne zusammen, und ich fühle mich mit Mei-Ann Chen wohl, weil sie wahnsinnig professionell und sehr sympathisch ist und weil wir auch musikalisch auf einer Wellenlänge sind.
Franz Schubert war ja ein hervorragender Geiger. Welchen Widerhall findet das im Rondo für Violine und Streichorchester A-Dur, das Sie spielen werden?
Schuberts Musik ist immer sehr schwer zu spielen, denn sie muss einerseits leicht klingen und andererseits ist sie gerade durch die vielen Harmoniewechsel sehr anspruchsvoll. Da ist man als Interpret wirklich extrem gefordert. Das klingt immer so leichtfüßig, aber das was dahintersteckt, ist dann schon enorm.
Im Finale des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel im Mai 2015 ist ihnen eine Saite gerissen. Sie aber bleiben ruhig und spielten auf der Violine des Konzertmeisters weiter und erhielten am Ende den 4. Preis. Waren sie danach selbst über ihre Geistesgegenwart erstaunt?
Ich habe ja früher im Bundesjugendorchester gespielt und war dort auch Konzertmeister. Damals habe ich schon mit auf den Weg bekommen, dass man möglichst schnell reagiert, falls so etwas passieren sollte. Im Moment, als die Saite riss, kam mir das zum Glück wieder ins Bewusstsein. Natürlich war das auch Schockmoment, der einen ganz kurz aus der Bahn wirft. Da war ich natürlich froh, dass ich so schnell reagieren konnte.