Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Gehörlosen-WM: Wie Sven Labitzke aus Mutterstadt dem Nationalteam hilft

Sven Labitzke (links) , Torwarttrainer der Gehörlosen-Nationalmannschaft, beim Selfie in Tokio.
Sven Labitzke (links) , Torwarttrainer der Gehörlosen-Nationalmannschaft, beim Selfie in Tokio.

Sven Labitzke aus Mutterstadt ist als Trainer Teil der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Gehörlosen. In Japan hat er ein klares Ziel vor Augen.

Auf der Bank hat er seinen festen Platz. Meist sitzt Sven Labitzke am äußersten Ende der Auswechselbank neben den beiden Physiotherapeuten Julia Heilmann und Sebastian Lohr. Während seine Nebenleute bei Verletzungen der Spieler häufiger aufs Spielfeld laufen müssen, genießt der 51-Jährige sonst seine Ruhe. Er hat eine Aufgabe: Sein Fokus richtet sich auf das Torwartverhalten. Labitzke ist seit 2021 Torwarttrainer der Deutschen Handball-Nationalmannschaft der Gehörlosen und ist derzeit mit dem ausschließlich pfälzischen Trainer-Team bei den Deaflympics in Tokio.

Der in Mutterstadt wohnende und bald nach Neuhofen umziehende Versicherungsfachwirt ist bereits lange im Bereich Inklusion tätig. Ab 2017 assistierte er zunächst als Cotrainer Bundestrainer Alexander Zimpelmann (Freinsheim), ehe er sich nach diversen Fortbildungen 2021 ganz auf das Training mit Torhütern spezialisierte. Beim Jugendcamp 2017 der HSG Mutterstadt/Ruchheim in Roses in Spanien habe Zimpelmann ihn darauf angesprochen. „Da wollte ich unbedingt dabei sein“, erinnert sich Labitzke.

Team in starker Form

Bis heute brennt er für diese Aufgabe. Bei der HSG Mutterstadt-Ruchheim, wo er einst in der Jugendabteilung und auch später im Aktivenbereich tätig war, engagiert sich der gebürtige Heddesheimer heute als Trainer der Glücksfüchse, einer Inklusionsgruppe in Sachen Handball. Sein derzeitiger Fokus liegt aktuell bei den Spielen in der japanischen Millionen-Metropole. Die Mission: Gold. Verständlich nach dreimal Silber bei den Deaflympics vor drei Jahren in Caixas do Sul in Brasilien, der WM in Kopenhagen und der EM in Frankenthal wollen die deutschen Gehörlosen-Handballer endlich die Goldmedaille. Die Zeichen stehen nicht schlecht. Seit Jahren ist das deutsche Team in stärkster Verfassung in Tokio vertreten. „Ich bin sicher, wir haben eine Chance. Es muss aber auch alles passen“, sagt Labitzke.

Der zweifache Familienvater hat in den vergangenen Wochen und Monaten „seine“ drei Torhüter Moritz Klein, Gero Gertenbach und Silas Schuhmacher in vielen Trainingseinheiten in Form gebracht. „Die Jungs sind erfahren genug, aber jeder ist anders. Da geht es um Kleinigkeiten, um sie noch besser zu machen“, erzählt Labitzke. Dabei verzichtet er keinesfalls auf die regelmäßigen Videoanalysen. „Sie sind die Grundlage, wie ich dann mein Training mit den Jungs gestalte“. Auf Wurfbilder verzichtet er gänzlich. Ganz auf Wunsch seiner Torleute. „Das wollen sie nicht, das setzt sie noch mehr unter Druck, wir sprechen aber darüber.“

Warten auf „grünes Licht“

Labitzke setzt auf ein gutes Miteinander im Team. „Mit den drei Jungs haben wir eine sehr gute Mischung, die sich alle auf dem gleichen Niveau befinden. Sie sind keine Konkurrenten, sondern sie sind Freunde. Jeder von ihnen kann ein Spiel entscheiden“. So machen sie ihm auch die Nominierung nicht einfach. „Ich bin froh, dass wir mit einem 16er-Kader nach Tokio reisen durften. Bei einem 14er-Kader hätte ich einen Torwart zu Hause lassen müssen, diese Entscheidung wäre mir diesmal extrem schwergefallen“, so Labitzke. Oder doch nicht? Silas Schumacher hatte sich vor dem Abschlusslehrgang am Knöchel verletzt. Aber Labitzke wollte auf den Delmenhorster, der dem Gehörlosensportclub (GSC) Frankenthal angehört, nicht verzichten. Dieser reiste mit nach Tokio.

So stand für Labitzke nach den beiden deutlichen Siegen der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien und die Türkei am freien Spieltag noch einmal eine spezielle Trainingseinheit im Squashraum des Mannschaftshotels auf dem Plan. Mit Silas Schumacher, dessen Schwellung am Knöchel abgeklungen ist, machte er nochmals einen Test, um ihn im letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber Japan (Mittwoch, 19 Uhr MESZ) ins Spieltagsaufgebot zu nehmen. „Ich bin guter Dinge, dass wir ihm gegen Japan und im Viertelfinale (wahrscheinlich gegen Kenia) eine Chance geben können. Vorausgesetzt, wir bekommen auch noch grünes Licht von den Physios“, ergänzt Labitzke.

„Hoch wie eine Rakete“

Bereits in den ersten beiden Gruppenspielen gegen Brasilien und die Türkei durfte sich Labitzke ein wenig zurücklehnen. Die eingesetzten Torhüter Moritz Klein und Gero Gertenbach überzeugten und strahlten mit ihren Paraden große Sicherheit auf ihre Vorderleute aus. Die beiden Ergebnisse sprechen Bände: 39:15 hieß es gegen den Südamerika-Meister und 35:17 gegen die Türkei. Da blieb der Mutterstadter nicht seelenruhig auf der Bank. Nach der einen oder anderen Parade seiner Torleute streckte er seine Faust in die Höhe oder sprang von seinem Platz auf. Erst recht, nachdem Gero Gertenbach gegen die Türken den fünften Siebenmeter pariert hatte. Da ging der Wahl-Pfälzer ebenfalls wie die über 50 deutschen Fans in der Halle „hoch wie eine Rakete“. Dass seine beiden Torhüter derzeit in Top-Verfassung sind, ist schließlich auch sein Verdienst. Vor Freude versammelte er nach dem Abpfiff die Spieler vor der Anzeigetafel zu einem gemeinsamen Selfie.

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