Ludwigshafen Gegen die Angst vor Formularen

Als Erwachsener noch lesen lernen kostet Überwindung – aber es lohnt sich.
Als Erwachsener noch lesen lernen kostet Überwindung – aber es lohnt sich.

Das Formular beim Arzt, die Speisekarte im Restaurant oder digitale Medien. Was für viele selbstverständlich ist, stellt für immerhin 6,2 Millionen erwerbsfähige Deutsche ein unüberwindbares Problem dar. Sie sind funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können nur schlecht, oder sogar gar nicht lesen und schreiben. Ein Problem, das trotz Schulpflicht und moderner Aufklärungsarbeit noch nicht vollständig gelöst werden konnte. In diesem Bereich engagiert sich seit Mitte der 1990er-Jahre der Selbsthilfeverein der Analphabeten Ludwigshafen Mannheim (Saluma). Mit dem Alfa-Bündnis Rhein-Neckar wollen sie nun gemeinsam mit einem Netzwerk von Partnern aus allen gesellschaftlichen Bereichen Betroffenen helfen und andere über das Thema aufklären. Dazu sollen unter anderem Verwaltung, Handwerk, Wirtschaft, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsektor zusammenarbeiten. Das Projekt wird auch von der BASF und deren Projektförderung „Gemeinsam Neues schaffen!“ unterstützt. Die Zeitung aufschlagen, darin blättern und lesen, was in der Welt so passiert. Ob beim Arzt, den Behörden oder im Restaurant – überall wird erwartet, Formulare ausfüllen oder Texte lesen zu können. Ohne Hilfe von Außenstehenden ist das für funktionale Analphabeten aber so gut wie nie möglich. Dazu kommen die eigene Scham und die Angst, von der Gesellschaft nicht akzeptiert oder respektiert zu werden. Auf der Gründungsveranstaltung des Alfa-Bündnisses Rhein-Neckar am vergangenen Freitag in der Volkshochschule (VHS) Ludwigshafen erzählten ehemalige und immer noch Betroffene des Saluma-Vorstands von ihren Erfahrungen mit dem Analphabetismus und den Zielen, die mit dem Projekt angestrebt werden sollen. „Wir wollen selbstbestimmte Hilfe für Analphabeten. Die Menschen müssen ins Leben integriert werden“, sagt Vorstandsmitglied Gudrun Völker, die selbst durch die Unterstützung des Vereins und der VHS eine Ausbildung zur Alltagsbegleiterin für Demenzkranke machen konnte. Das Projekt soll aber nicht nur Betroffenen Hilfestellung geben, sondern auch Außenstehende über das Thema aufklären und im Umgang mit Betroffenen sensibilisieren. So sind neben Aktionen bei Veranstaltungen auch Schulungen geplant. Hierbei soll es vor allem darum gehen, Betroffene zu erreichen, die Hintergründe ihres Analphabetismus besser zu verstehen und sie richtig zu unterstützen. „Wie erreichen wir betroffene Menschen respektvoll? Das ist und bleibt das schwierigste Thema, das wir gemeinsam angehen müssen“, erklärt VHS-Dozentin Elfriede Haller, die sich seit Jahren bei Saluma engagiert. „Jeder sollte eine faire Chance bekommen, sein Leben selbstständig und ohne Scham führen zu dürfen. Mir hat es damals geholfen, zu wissen, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin und es in Ordnung ist, wenn man seine Schwäche zugibt“, erzählt Sikirit Schorer. Sie ist selbst Betroffene und ein Saluma-Vorstandsmitglied. Schorer setzt viel Hoffnung in das Projekt und die zahlreichen Bündnispartner. Bis 2026 sei es das Ziel, alle Betroffene in der Region zu erreichen und ihr Leben nachhaltig zu verbessern. Ein Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn die Bündnispartner es schaffen, dass Betroffene sich trauen, das Thema anzusprechen. „Ich kann zwar einiges nicht – das heißt aber nicht, dass ich gar nichts leisten kann. Ich will etwas leisten und mit der richtigen Hilfe, bekomme ich das auch hin!“, meint der 59-jährige Siggi K., der seit einem Jahr voller Tatendrang daran arbeitet, endlich richtig lesen und schreiben zu können. Für einen festen Job – und für ein Leben ohne Schamgefühl.

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