Ludwigshafen Gegen das Schweigen der anderen
Der Dokumentarfilm „Pawlenski – Der Mensch und die Macht“ porträtiert den russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, der besonders mit spektakulären Selbstverstümmelungen für weltweites Aufsehen gesorgt hat. Die in Russland aufgewachsene, heute in Köln lebende Regisseurin Irene Langemann präsentierte ihren Film im Mannheimer Kino Atlantis.
Vor fünf Jahren erregte Pjotr Pawlenski erstmals internationales Aufsehen, als er sich mit einem groben Faden die Lippen vernähte, um auf diese drastische Weise seine Solidarität mit den verurteilten Mitgliedern der Moskauer Punk-Band Pussy Riot zu bezeugen. „Ich habe die Perspektive dieser Gesellschaft gezeigt, die aus Menschen besteht, die schweigen: Menschen mit zugenähten Mündern“, erklärte er später. Damit sei Pawlenski viel weitergegangen als die regimekritischen Aktivistinnen von Pussy Riot selbst, meinte Irene Langemann. „In seiner Radikalität und Metaphorik findet man keinen vergleichbaren Künstler in der russischen Politkunst, vielleicht nicht einmal in der internationalen Szene.“ Seine nächste Aktion ging durch die ganze Weltpresse, erinnert die russlanddeutsche Filmemacherin. 2013 nagelte Pawlenski sich nackt am eigenen Hodensack auf dem Moskauer Roten Platz fest, „im Zentrum der Machtverherrlichung“, wie er im Film formuliert. Man muss es sehen, um es zu glauben. In Langemanns Film ist die entsprechende, verstörende Sequenz eine, die lange nachwirkt. Die Aktion „Fixierung“ stehe für die Apathie und die politische Gleichgültigkeit in der modernen russischen Gesellschaft. Oder dafür, dass der Staat die Menschen an den Eiern hat, wie ein Polizist es auf den Punkt bringt. „Dieses Thema begleitet mich seit meiner Kindheit und frühen Jugend in Sibirien und auch während meinem späteren Leben in Moskau“, erläuterte die 57-jährige Regisseurin in Mannheim. „In der Sowjetzeit hat das Individuum nichts gezählt.“ Nur während der Perestroika und in den 1990er Jahren habe es ein zeitweiliges Aufatmen und die Hoffnung auf Freiheit gegeben, doch in Wladimir Putins Russland würden die Menschen wieder immer mehr zu Marionetten. „Das ist auch die Lebensanschauung und die Kernaussage von Pjotr Pawlenski“, so Langemann. Der beschriebene Umgang der Staatsmacht mit dem Individuum, das unmündig gehalten werde, sei einer der Gründe, warum sie Russland vor über 25 Jahren verlassen habe, sagte sie. „Ich konnte und wollte in dem damals noch sowjetischen System nicht mehr leben.“ In Köln arbeitete Langemann zunächst als Redakteurin beim Auslandsfernsehen der Deutschen Welle, bevor sie 1997 freie Filmemacherin wurde. In der Pfalz drehte sie 2009 „Liebesgrüße aus Ramstein“ über deutsch-amerikanische Familien rund um den US-Militärstützpunkt. Ihr letzter Film vor „Pawlenski“ war eine Dokumentation über die Sankt Petersburger Kunstbiennale „Manifesta“, die von dem bekannten deutschen Ausstellungsmacher Kasper König kuratiert worden ist. Bei keiner der dokumentierten künstlerischen Aktionen Pjotr Pawlenskis sei sie dabei gewesen, gesteht Langemann. „Da lässt er auch niemanden zu außer seiner Lebenspartnerin und einem sehr kleinen Kreis von Vertrauten und Fotografen.“ Von ihnen stammt ein großer Teil des Filmmaterials, die Dokumentation „Pawlenski – Der Mensch und die Macht“ ausmacht. Neben den geschilderten und weiteren Aktionen, bei denen der Künstler sich etwa nackt mit Stacheldraht umhüllt oder sich ein Ohrläppchen blutig absäbelt, ist zu beobachten, wie passiv er sich darüber hinaus verhält. Er selbst bezeichnet sich bei den Kunstaktionen als die „Figur des Schweigens“. Alles, was um ihn herum passiert, führen nämlich die Vertreter der Macht aus. Sobald die Polizei oder Sicherheitsleute ihn abführen, taucht im Internet der Name der Aktion auf, die sind etwa „Naht“ oder „Fixierung“ betitelt, dazu gibt es Beleg-Fotos und einen erklärenden Text. Nicht nur Polizisten, Staatsanwälte und Richter, auch die Medien haben ihre Rolle in dem Geschehen. Ursprünglich sollte Pjotr Pawlenski Irene Langemann bei ihrer Kinotour begleiten. Nach einer Anzeige wegen sexueller Übergriffe ist er jedoch im vergangenen Winter von Russland über die Ukraine nach Frankreich geflohen, wo er inzwischen Asyl beantragt hat. Bis über seinen Antrag entschieden ist, darf er das Land nicht verlassen. Der Vorwurf der Vergewaltigung, der gegen ihn erhoben wird, sei allem Anschein nach fingiert und vorgeschoben, meinte Langemann. „Man wollte ihn loswerden. Er war zu lästig. Er ist zu unbequem.“ Ein Stachel im Fleisch eines autoritären Staatssystems.