Ludwigshafen Gar nicht bene

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Gaia ist Anfang April 16 Jahre alt geworden. Ein hübsches Mädchen mit langen braunen Haaren und ziemlich langen Beinen. Fit ist sie auch, ganz wie ihre Eltern: Die haben jedenfalls den Dolomiten-Marathon problemlos gemeistert. Respekt. Erzählt hat mir Gaia das beim Marsch hinauf zum Hambacher Schloss. Weil ich beim Festlauf anlässlich des 175. Jubiläums der Maxburg selbst schon mal da hochgejoggt bin, sind wir mit Blick auf das steinerne Denkmal der Demokratie auf Sportliches zu sprechen gekommen – in einem Kauderwelsch aus Italienisch, Deutsch und Englisch. Heraus kam eine Art Kommunikations-Bolognese. Gaia beherrscht unsere Muttersprache (noch) genauso wenig perfekt wie meine Familie die ihre. Im Zweifel half dann halt das Angelsächsische. Aber wir haben uns alle gestenreich durchgeschlagen – und prima verstanden. Gaia stammt aus der Nähe von Turin, wo sie ein Internat besucht. Acht Tage lang war sie im Laufe dieses Monats zu Gast bei uns – als Austauschschülerin des Heinrich-Böll-Gymnasiums, das meine Tochter besucht. In dieser Zeit hat Gaia sehr viel erlebt. Denn das Programm der jungen Piemonteser war pickepacke voll. Gut so. Die weite Reise soll ja nicht umsonst gewesen sein. Erstes Ziel war die historische Kulisse von Speyer. Klar, den Dom muss man gesehen haben. Am Wochenende organisierten andere Gasteltern netterweise eine Spritztour. Samstags führte sie nach Neustadt – klar, auch das Hambacher Schloss muss man gesehen haben – und anschließend in den Kurpfalz-Park nach Wachenheim mit dem Höhepunkt Rodelbahn. Kam gut an. Sonntags wurde im Käfertaler Wald in Mannheim gemeinsam Minigolf gespielt und gegrillt. War lecker. Montags stiegen die Jungen und Mädchen vom Stiefelstaat in den Zug nach Frankfurt, wo sie eine Führung durch das Goethe-Haus erhielten. Dienstags brachte sie ein Bus nach Bingen, eine Fähre nach Rüdesheim, eine Seilbahn zu einem Naturdenkmal und ein Schiff nach St. Goar. Keine Frage: Auch das Mittelrheintal ist einen Abstecher wert. Heidelberg, die Altstadt, das Schloss – ja logisch, ein Muss, dem mittwochs Rechnung getragen wurde. Das nächste Schloss sahen die Jugendlichen donnerstags: in Schwetzingen. Freitags startete bereits der Flieger in die Heimat. Auch die Zeit mit Gaia verging wie im Flug. So weit, so abwechslungsreich. Bleibt die Frage, was Gaia von Ludwigshafen in Erinnerung behalten wird? Wohl eher wenig. Denn der Austauschort selbst ist bei den Verantwortlichen komplett durch den Rost gefallen: keine Stadtrundfahrt, keine Führung durchs Besucherzentrum der BASF, kein Blick ins Hack-Museum. Weder gab es einen Spaziergang durch den Hemshof noch ein Picknick auf der Parkinsel. Das ist mal wieder typisch und passt zum Selbstverständnis von einigen Akteuren in dieser Stadt. Ich habe Gaia mal gefragt, ob sie eine Vorstellung davon hat, wie viele Menschen hier leben (fast 170.000) und wie viele davon Landsleute von ihr sind (knapp 6000). Achselzucken. Ob sie weiß, dass hier die Karriere eines Fußballweltmeisters (André Schürrle) begonnen hat? Kopfschütteln. Oder ob ihr der große Chemiekonzern ein Begriff ist, der hier seinen Sitz hat? Wieder nichts, niente. Immerhin hat Gaia in der knapp bemessenen „Freizeit“ mit meiner Frau und den Kindern den Ebertpark besucht. Viel mehr Ludwigshafen war außer dem „Schmuckstück“ Hauptbahnhof nicht drin. Schade eigentlich. Gefallen hat’s Gaia dennoch. Sie hat uns jedenfalls eine sehr schöne Nachricht hinterlassen: „Ihr wart super.“ Ein bisschen Deutsch hat sie also doch noch dazugelernt. Und die Schule hoffentlich die Lektion, das nächste Mal keinen so großen Bogen um Ludwigshafen zu machen. Denn wir waren nicht die einzigen Eltern, denen das Programm der Italiener in dieser Hinsicht spanisch vorkam. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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