Über den Kirchturm hinaus Freiwillig in LU? Und ob!
Aus Oldenburg bin ich vor gut drei Jahren nach Ludwigshafen gezogen. Die Liebe hat mich hergeführt, meine Lebensgefährtin wohnte in Mannheim. Als Willkommensgruß bekam ich einen Button mit der augenzwinkernden Aufschrift: „Freiwillig in LU“. In Berichten las ich von der angeblich hässlichsten Stadt Deutschlands. Bekannte aus Baden-Württemberg fragten uns flapsig, ob der Wechsel von der einen zur anderen Rheinseite nicht das größere Opfer sei – im Vergleich zum Umzug aus Norddeutschland.
Neulich kam ich von einer Reise wieder hier an. Von der Rheinbrücke sah ich auf Parkinsel, Hochstraßenabbruchkante und BASF. Verwundert registrierte ich den Anflug heimischer Gefühle. Kann das sein? Mir wurde bewusst, dass mich inzwischen einiges verbindet mit dieser Stadt. Mit Menschen, mit Orten und ihren Traditionen. Ich lebe und arbeite gerne hier.
Der unfreiwillige Verlust von Heimat hingegen wiegt schwer. Das weiß niemand besser als die Menschen, die aufgrund von Krieg und Zerstörung geliebte Menschen und vertraute Orte zurücklassen müssen. Und die für jede Willkommensgeste dankbar sind.
Für die Bibel verbindet sich Heimat nicht mit einem bestimmten Ort. Und trotzdem ist der Glaube eine Art Heimatgefühl, das ich überall dort finde, wo Gott mitgeht, wo ich bei mir und bei anderen immer wieder neu ankommen darf. Wo der Ruf ertönt und ich willkommen bin.
„Vielleicht auch komme ich noch einmal dahin, dass ich Heimat in mir habe. Heimat in sich haben. Wie wäre das Leben anders! Es hätte eine Mitte und von der Mitte aus schwängen alle Kräfte“, schrieb einst Hermann Hesse.
Unterwegssein zur inneren Mitte
Ist nicht der christliche Glaube ein Unterwegssein zu dieser inneren Mitte, wo wir uns geborgen fühlen, von der uns Kräfte zuwachsen, wenn wir uns unbeheimatet fühlen?
Was sagt eigentlich Herr Janosch dazu? Der Illustrator und Kinderbuchautor hat in Gestalt seines weisen und gewitzten Alltagshelden Wondrak im Magazin der „Zeit“ über Jahre Antworten auf die kleinen und großen Fragen des Lebens gegeben. Und Wondrak meint: „Die Heimat ist der Ort, wo das Herz auf ewig wohnt, egal, ob es dort stinkt.“
Freiwillig in LU? Und ob! Auch als Zugereister darf ich mich hier ungeschminkt heimisch fühlen, auch wenn Heimat für mich stets ein wenig nach Grünkohl und Pinkel schmecken wird.
Der Autor
Michael Lupas, 58, ist Pfarrer der Martinskirchengemeinde in Maudach.