Ludwigshafen Flucht ins Paradies
Maria Schrader ist zum zweiten Mal auf der Parkinsel. 2013 war sie dabei, als der Kinofilm „Schwestern“ mit ihr in der Hauptrolle das Festival eröffnete. Nun kehrt sie als Regisseurin zurück. Ihr herausragender Film „Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika“ läuft im Wettbewerb des Filmfestivals.
„Ich war kein besonders großer Zweig-Connaisseur, bevor ich mit diesem Projekt angefangen habe“, gesteht Maria Schrader. Den entsprechenden Anstoß habe der französische Produzent Denis Poncet gegeben. „Er war selber ein Kenner der Bücher Stefan Zweigs, der in Frankreich noch eine ganz andere Popularität genießt als hier.“ Das Resultat habe der Franzose allerdings nicht mehr sehen können. 2014, noch bevor die Dreharbeiten begannen, ist er gestorben. Ihm ist der Film gewidmet. Poncet, der 2002 mit einem Oscar für die Dokumentation „Ein Mörder nach Maß“ ausgezeichnet wurde, hatte bereits konkrete Vorstellungen für den Film eingebracht, von denen sie sich jedoch gelöst habe. „Das hat sich in etwas ganz anderes verwandelt, weil ich mich tatsächlich bald für das Exil interessiert habe“, erläutert Schrader. „Es kam mir vor, als würde ich über die Lektüre von Zweigs Leben erst begreifen, was es bedeuten muss, ins Exil zu gehen.“ Durch die intensive Beschäftigung mit seiner Biografie, seinen Aufzeichnungen und Briefen, sei ihr seine innere Zerrissenheit erst richtig klargeworden. Der Gegensatz zwischen der blühenden, grün-bunten Natur des südamerikanischen Regenwaldes und Zweigs fortwährenden Gedanken an das im Weltkrieg versinkende Europa, den Schreckensbildern, die ihn heimsuchten, müsse unglaublich groß gewesen sein. „Das war eigentlich der Auslöser, den Film zu machen, keinen Film über Stefan Zweig, den Schriftsteller, sondern über Zweig, den Exilanten.“ Die Flüchtlingskrise sei noch kein großes Thema gewesen, als 2012 die erste Drehbuchfassung entstand. „In welcher Form das jetzt aktuell geworden ist, hat uns selbst erstaunt und erschreckt“, erklärt Maria Schrader, die das episodische Skript gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Autor und Regisseur Jan Schomburg, verfasste. „Jetzt sind da diese Parallelen“, meint sie, „und der Film wirkt so, als würde er auf die ganze Flüchtlingsproblematik Bezug nehmen wollen“. Dabei seien die Dialoge, die man nun ins Heute übernehmen könnte, ganz absichtslos entstanden. „Wir haben es uns hälftig aufgeteilt“, berichtet die Regisseurin von der Drehbucharbeit, „jeder hat drei Kapitel geschrieben“. So fächert „Vor der Morgenröte“ sechs Episoden aus Zweigs Jahren im Exil auf – von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am PEN-Kongress 1936 in Buenos Aires über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike 1941 bis zu seinem Selbstmord 1942 in Petrópolis. „Die ganzen Widersprüche, die sich in dieser Zeit finden, dass er eigentlich in ein Paradies flieht und es dort nicht aushält und sich in Sicherheit, ohne finanzielle oder gesundheitliche Nöte, ohne direkt bedroht zu sein, dort das Leben nimmt, das finde ich so geheimnisvoll.“ Maria Schrader kann sich vorstellen, dass gerade die besondere Schönheit von Petrópolis, der Sommerresidenz der brasilianischen Kaiser, in Zweigs Augen etwas extrem Grausames bekommen habe. „So als gäbe es den Krieg gar nicht, als existiere er nur in Zweigs Fantasie, ohne Spuren und Niederschlag im Alltag.“ Die stringente Struktur des konzentrierten und doch sinnlich-opulenten Dramas erweist sich dabei als ergiebig und fraglos tragfähig, Stefan Zweigs letzte Lebensjahre in 105 Minuten zu fassen. Dass der österreichische Kabarettist, Autor und Schauspieler Josef Hader den österreichischen Weltbürger Zweig bestens würde verkörpern können, sei ihr sofort klar gewesen, als der Name des Schauspielers ins Spiel gebracht worden sei, erinnert sich Schrader. An seiner Seite überzeugen in Nebenrollen Barbara Sukowa als Zweigs erste Ehefrau Friderike, Aenne Schwarz als seine zweite Frau Lotte, Matthias Brandt in der Rolle des Berliner Verlegers Ernst Feder und Charly Hübner als deutscher Literat Emil Ludwig.