Ludwigshafen
Filmfestival: Ein wunderbar ironischer Blick auf die Filmbranche
„Eigenwillig erzählt“ heißt die Reihe, in der „All I never wanted“ beim Ludwigshafener Filmfestival läuft. Eigenwillig ist sie tatsächlich, diese Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, die wunderbar ironisch die Filmbranche und das Modebusiness auf die Schippe nimmt. Die Schwestern Annika und Mareile Blendl sind Regisseurin und Hauptdarstellerin. Sie beteuern, nicht übertrieben zu haben.
Müde sind sie, an diesem Dienstagmorgen um 10 Uhr auf der Terrasse ihres Hotels in der Ludwigshafener Innenstadt. Zumindest erzählen das die beiden Schwestern, man sieht ihnen den fehlenden Schlaf nicht an. Die Shisha-Bar, in der sie weit nach Mitternacht auf dem Weg vom Festival des deutschen Films ins Bett noch gelandet sind, weil alle anderen Lokale im Umkreis schon längst geschlossen hatten, befindet sich in Sichtweite. „Ich kannte Ludwigshafen gar nicht“, sagt Annika Blendl und lässt ihren Blick zum Ludwigsplatz schweifen. „Toll, dass an einem Montagabend so viele Leute unseren Film sehen wollten.“
„All I never wanted“ heißt das Werk, es ist der Abschlussfilm von Annika Blendl und Leonie Stade, die an der Hochschule für Film und Fernsehen München Dokumentarfilmregie studiert haben. Der Film erzählt die Geschichte zweier Frauen: Mareile Blendl, Annikas Schwester und etwas über 40 Jahre alte Schauspielerin, die den Serientod stirbt und mangels Alternativen in einem Kleinstadttheater die „Jungfrau von Orleans“ spielen und sich den Eskapaden eines Regisseurs („Ich bin ein Theatertier“) aussetzen muss. Und Lida Freudenreich, die im Film Nina heißt und ihre ersten Schritte als Model in Mailand geht.
Selfies immer von oben machen
Der Film zeigt schonungslos die nicht-glamourösen Seiten des Showbusiness. Seine Protagonistinnen bewegen sich selten auf dem Roten Teppich und dem Laufsteg und dafür auf der schon optisch äußerst deprimierenden Probebühne des Provinztheaters, in der Praxis eines Schönheitschirurgen und in der Model-WG in Mailand, in der Nina wichtige Dinge fürs Leben lernt: dass man Selfies immer von oben machen sollte, um möglichst vorteilhaft rüberzukommen, zum Beispiel. Einen Job bekommt sie deswegen in letzter Sekunde nicht, weil ihr auf Instagram nicht so viele Leute folgen wie vom Auftraggeber gewünscht, nämlich 25.000.
„Wir haben wirklich nicht übertrieben“, beteuern die Schwestern. Viele der im Film gezeigten Castings zum Beispiel seien nicht gestellt gewesen. Dass Leute manchmal verpixelt sind, hat aber nicht nur damit zu tun, dass Identitäten geschützt werden sollten. „Wir wollten auch deutlich machen, dass es nicht um einzelne Individuen geht, sondern um das ganze System“, sagt Annika Blendl. Typen wie dieses „Theatertier“, jenem Regisseur, der von seiner Hauptdarstellerin urplötzlich und ohne vorherige Absprache in der Probe einen nackten Oberkörper verlangt, kenne jeder am Theater. Und die Model-WG sei noch harmlos, da gebe es viel schlimmere Zustände im Mailänder Modebusiness.
„Alle Schauspieler kennen die Zeiten, in denen man nichts zu tun hat“
Die beiden Schwestern können das beurteilen, sie sind seit langem in dem Geschäft zu Hause. Mareile, die mit 43 Jahren etwas ältere der beiden, arbeitete nach der Schauspielschule am Staatsschauspiel Dresden, am Berliner Ensemble, in Nürnberg und an vielen anderen Häusern. Annika, 38, hat sehr, sehr viele Fernsehrollen gespielt und als Regisseurin auch schon gemeinsam mit Leonie Stade die Dokumentation „Mollath – ,und plötzlich bist du verrückt’“ über Gustl Mollath gedreht, der im Zusammenhang mit einem Irrtum der bayerischen Justiz bekannt geworden ist. Der Dokumentarfilm sei ihr zweites Standbein neben der Schauspielerei, sagt Annika Blendl. Sie dreht außerdem Industrie- und Werbefilme, bald ist sie in der Reihe „Das Quartett“ als Hauptkommissarin Pia Walther neben Anja Kling zu sehen. Um die Arbeit und das Familienleben – jede der Schwestern hat zwei Kinder – unter den berühmten Hut zu bekommen, sind beide freischaffend tätig. Annika lebt in München, Mareile in Düsseldorf. Aber sie kennen auch, geben sie offen zu, die Zeiten, in denen man nichts zu tun hat, weil die Agentur gerade kein Angebot hat. „Alle Schauspieler kennen das“, sagt Annika Blendl, „es gibt vielleicht zehn Schauspieler in Deutschland, bei denen das nicht so ist.“ Man sei schließlich immer davon abhängig, gefragt zu sein.
Als Beitrag zur „Me Too“-Debatte möchten die Schwestern ihren Film nicht verstanden wissen. Ihr habe die Debatte zwar den Rücken gestärkt, sagt Mareile Blendl: „Ich kann jetzt leichter Nein sagen, wenn ich etwas nicht möchte.“ Sowohl sie selbst als auch Jochen Strodthoff, der den erwähnten Provinztheaterregisseur spielt, seien „mit Glückshormonen überflutet“ worden, als sie sich für den Film so richtig austoben durften. Aber: Gestört hat sie an der Diskussion, dass Frauen ausschließlich als Opfer dargestellt worden seien. „Uns geht es darum, wie weit Leute gehen, um Teil des Spiels zu sein“, sagt Annika Blendl. Besonders gefallen hat ihr, dass im Gespräch nach der Vorstellung am Abend zuvor ein Mann aufstand und sagte, er arbeite zwar in einer komplett anderen Branche. Aber die Mechanismen seien dort ganz genau die gleichen.
Termin
„All I never wanted“ ist noch einmal am Mittwoch um 16.30 Uhr auf dem Ludwigshafener Filmfestival zu sehen.