Ludwigshafen
Feiern trotz Pandemie: Sind Mini-Hochzeiten der neue Trend?
Mit intimen Hochzeiten versucht die Branche, die wie viele andere von der Corona-Krise gebeutelt ist, das Geschäft zu beleben. Die Bilder des Styled-Shootings, des inszenierten Festes, reichten die Hochzeitsplanerinnen Julia Wohlfahrt aus Mannheim und Julia Lemke aus Köln ein. Drei statt wie Anfang des Jahres geplant 27 Hochzeiten konnte Lemke 2020 begleiten, Wohlfahrt etwa die Hälfte der Feiern. Die Mannheimerin hält Micro-Hochzeiten für einen Trend, der aus den USA nach Deutschland schwappt.
Während die Anzahl der standesamtlichen Trauungen nach Angaben der Pressestelle der Stadt Ludwigshafen 2020 im Vergleich zum Vorjahr von 481 auf 363 um rund ein Viertel sank, berichten die Kirchen von einem noch stärkeren Rückgang der Feiern. Alban Meißner, katholischer Dekan in Ludwigshafen, berichtet, 2018 hätten sich in seinem Bezirk 21 Paare gemeldet, die heiraten wollten, im Jahr 2019 waren es 15, und im Jahr 2020 immerhin 20. Im Unterschied zu den Vorjahren hätten aber im Corona-Jahr nur sechs Trauungen tatsächlich stattgefunden. In den evangelischen Kirchen waren es 13, statt wie in den Vorjahren um die 30, erklärt Dekanin Barbara Kohlstruck.
Nur zehn Gäste
Goldschimmernde Windlichter, Blumen, Protea, und Granatäpfel in leuchtendem Rot, schwarze Teller auf dem dunklen Holz der Tische des alten Bauernhofs. Ein tiefes, mit Spitze eingerahmtes Dekolleté mit Spitze ziert das weiße Brautkleid. Die kleine Hochzeit soll zeigen, dass auch im Herbst und mit nur zehn Gästen eine schöne Feier möglich ist. „Für mich bedeutet Micro-Hochzeit: intime Hochzeit. Reduktion der Gäste, aber volle Emotion“, erklärt Lemke. „Es ist möglich, mehr Wert auf Qualität als auf Quantität zu legen“, ergänzt Wohlfahrt. „Bei Einladungen, Blumen, Deko und dem Essen kann man für das gleiche Budget mehr ins Detail gehen. Der Planungsaufwand unterscheidet sich nicht von großen Feiern“, meint sie. „Als Traurednerin ist eine freie Trauung immer und überall möglich – mit zwei, 20 oder 200 Personen. Aber auch andere Gewerke, wie Bands, Discjockeys, Kinderbetreuung, Video-/Fotograf, ein schlichtes und gleichzeitig extravagantes Kleid, Tortenbäcker und Caterer, Papeterie und Planer können auch das kleinste Fest riesig machen“, meint Lemke, die auf der Micro-Hochzeit die Rede hielt.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Es tut so gut, wie du mich liebst“ von Silbermond sei eines der Lieblingslieder des Paars, zitiert sie. Auf die guten und schlechten Zeiten in der Ehe von Maja und Stefan und ihre Kinder geht Lemke bei der Rede ein, bevor mit einer Knoten-Zeremonie und dem Austausch eines zweiten Sets Eheringe der Bund fürs Leben erneut besiegelt wird. Das Paar hat nach einer Krise wieder zusammengefunden. Doch die Belastungen, die die Pandemie vielen Paaren in Deutschland beschert hat, Home-Office und -Schooling und der Rückfall in althergebrachte Rollenmuster führt zu zahlreichen Trennungen. Da plant man für die Hochzeit am besten nicht nur das Essen und die Musik, sondern auch den Abschluss eines Ehevertrags.
Ehevertrag gleich mit einplanen
„Jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden, da kann man doch nicht die Augen zumachen und sagen, mich trifft es schon nicht“, warnt Heike Lamadé, Fachanwältin für Familienrecht in Heidelberg, die vor allem jungen Paaren mit Kinderwunsch ganz dringend zum Abschluss eines Ehevertrages rät. Sie sieht eine Regelungsnotwendigkeit gerade für Frauen, denn nach dem neuen Scheidungsrecht müssen die bei einer Trennung nach dem dritten Geburtstag des jüngsten Kindes Vollzeit arbeiten. In einem Ehevertrag kann man andere Regelungen vereinbaren. Doch wenige Paare mögen sich mit etwas so Unromantischem bei der Hochzeit abgeben.
Viele romantische kirchliche Trauungen gab es im vergangenen Jahr auch nicht. „Ich habe jedes Mal angeboten, eine intime Feier in der Kirche zu organisieren und darauf hingewiesen, dass der Inhalt wichtiger ist als die Form, aber ich kam mit meiner Argumentation nicht durch“, berichtet Dekan Meißner. Motivation für die Absage beziehungsweise die Verschiebung der Trauung war oft, dass zahlreiche Gäste dazu gehören, und die Paare nicht bereit waren, die geringe Zahl, die zugelassen war, zu akzeptieren.
Für viele gehören Inhalt und Form zusammen
Die inhaltlichen Aspekte des Ehesakraments blieben auch ohne große Anteilnahme von Gästen bestehen. Doch für viele Paare gehören Inhalt und Form der Trauung so eng zusammen, dass sie sich schwer tun, in der Form Abstriche zu machen. „Ob Paare eine kirchliche Trauung in diesem oder dem nächsten Jahr nachholen, ist schwer zu sagen und lässt sich wohl erst im Rückblick feststellen. Man muss aber sicherlich auch damit rechnen, dass manche Paare aufgrund von Corona ganz auf ein großes Fest und eine kirchliche Trauung verzichten“, meint Dekanin Kohlstruck.
So heiraten viele zwar standesamtlich, aber verzichten auf eine große Feier oder verschieben sie. Auch im Standesamt ist die Zeremonie schlichter als sonst. Wie an vielen öffentlichen Orten ist das Tragen einer Maske verpflichtend, jedoch kann das Brautpaar sie während der Trauzeremonie absetzen. Im Zugangsbereich müssen alle Beteiligten ihre Hände desinfizieren. Im Trauzimmer werden nach den Trauungen die genutzten Flächen desinfiziert. Aktuell dürfen keine Gäste dabei sein. Deshalb verzichten viele Paare auf gestalterische Elemente wie zum Beispiel Musik oder Schmücken der Stühle, ist von der Stadt zu erfahren. So können sowohl die Hochzeitsbranche als auch die Kirchen nur darauf hoffen, dass die Paare die Feiern nachholen, wenn große Feste wieder möglich sind. Auch im Herbst unter Apfelbäumen kann das sehr schön sein.