Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Familienforschung mit Fotoapparat

Andreas Bold wird mehr als ein Jahr brauchen, um alle Gräber auf dem Hauptfriedhof zu dokumentieren.
Andreas Bold wird mehr als ein Jahr brauchen, um alle Gräber auf dem Hauptfriedhof zu dokumentieren.

Andreas Bold will alle Gräber auf den Friedhöfen in Ludwigshafen fotografieren. Ruchheim und Friesenheim hat er schon im Kasten. Für den Hauptfriedhof wird er wohl ein, zwei Jahre brauchen. Dass der 59-Jährige mit der Kamera unterwegs ist, hat etwas mit einem bundesweiten Projekt eines gemeinnützigen Vereins zu tun.

Andreas Bold muss kurz nachschauen, dann hat er die Zahlen parat: Rund 6000 Gräber hat der Ludwigshafener mittlerweile im Stadtgebiet fotografiert und die Daten von 12.000 Verstorbenen erfasst. Der 59-Jährige ist im Auftrag des Vereins für Computergenealogie (Compgen) unterwegs, in dem sich rund 4000 Familienforscher aus ganz Deutschland zusammengeschlossen haben.

Der Verein wurde 1989 gegründet, hat seinen Sitz in Köln und arbeitet wie das Online-Lexikon Wikipedia. Das Friedhofsprojekt ist eines von mehreren Dokumentationsvorhaben. So wurden unter anderem auch Gefallenenlisten aus dem Ersten Weltkrieg von Vereinsmitgliedern erfasst. „Das waren Millionen von Einträgen. Es hat Jahre gedauert, bis alle Namen erfasst waren“, sagt Bold.

Digitalisierung von Daten

Das Ziel dieser mühsamen Arbeit: Die erfassten Daten im Internet für die Familienforschung zugänglich machen. Auf der Vereinswebsite kann jeder beispielsweise seinen Nachnamen eingeben und nach den Wurzeln der eigenen Familie forschen. Eine Deutschland-Karte zeigt die Verbreitung des Familiennamens von 1890 bis 1996 an. Kleine Punkte zeigen, woher die Sippe stammt und wie sie sich in Deutschland verbreitet hat. Für Familienforscher ist das ein erster Überblick. Details über das Leben der Vorfahren finden sich in Akten in Archiven, Kirchenbüchern oder Ortsfamilienbüchern. Viele dieser Daten sind bisher nicht digitalisiert.

Der gemeinnützige Verein Compgen will Familienforschern mit Recherchedatenbanken und Software-Tipps die Arbeit erleichtern. Dazu gehören auch die Friedhöfe. Die Grabsteine werden fotografiert und die Daten der Verstorbenen – Name, Geburtsjahr und Sterbedatum – dann in einen Computer getippt. Theoretisch wären solche Daten auch in Standesämtern abrufbar. „Aber es geht uns auch um eine Dokumentation der Friedhofskultur und deren Wandel“, sagt Bold.

Erinnerungen bewahren

Pompöse Denkmäler auf Friedhöfen zeigten früher den gesellschaftlichen Status einer wohlhabenden Familie. „Das ist heute viel schlichter geworden“, erzählt Bold. Oft lebten Angehörige weiter weg, für Grabpflege sei keine Zeit mehr. Der Trend gehe daher zu Urnengräbern und mittlerweile auch zu Erinnerungsgärten oder Friedwäldern. Viele Grabsteine landen nach der Auflösung einer Grabstätte in einer Friedhofsecke. Wenn keine Angehörige sie wollen, werden sie zerkleinert und landen als Untergrundmaterial im Straßenbau, berichtet der Familienforscher. Mit den Fotos werde auch die Erinnerung an die Steine bewahrt, die teils kunstvoll von Steinmetzen gefertigt wurden. Manchmal gibt die Grabgestaltung auch Aufschluss über den Verstorbenen, etwa wenn ein Schachbrett oder ein Musikinstrument einen Hinweis auf das Hobby des Toten gibt. Gräber auf 6700 Friedhöfen haben die Ehrenamtlichen mittlerweile in ganz Deutschland dokumentiert.

Ludwigshafen war dabei lange außen vor. Andreas Bold will das ändern. Er hat vor einigen Monaten angefangen, den Friesenheimer und den Ruchheimer Friedhof hat er mittlerweile durch. Die Fotos seien relativ schnell gemacht. Das korrekte Erfassen der Daten dauere viel länger. Für den Hauptfriedhof wird er wohl ein bis zwei Jahre brauchen, schätzt er. Selbstverständlich hat er das Projekt mit der Stadtverwaltung abgeklärt. Es gilt ein Jahr Trauerzeit, diese Gräber bleiben erst einmal außen vor bei der Dokumentation.

Familienforschung als Antrieb

Zur Familienforschung kam Bold vor einigen Jahren. Er ist auf einem Bauernhof in Hermersberg (Landkreis Südwestpfalz) aufgewachsen, den schon mehrere Generationen bewirtschaftet haben. „Ich finde es spannend, etwas über meine Vorfahren und Verwandten herauszubekommen“, berichtet der 59-Jährige, der statt Landwirt Informatiker geworden ist und nun im Vorruhestand Zeit für das Hobby Familienforschung hat. Unter anderem fand Bold Akten, die belegten, dass sein Großonkel als Priester wegen seiner Predigten während der NS-Diktatur im Visier der Geheimen Staatspolizei war. Der Pfarrer wurde im Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“ verleumdet und ging dagegen 1938 juristisch vor. Es gab sogar eine Unterschriftensammlung im Ort, um ihn zu unterstützen. Der Priester hat alles unbeschadet überstanden. „Ich versuche, Zeitgeschichte persönlich zu erfahren“, sagt der Pfälzer.

Bold fand im Landesarchiv außerdem Prozessakten, die einen erbitterten Rechtsstreit einer seiner Vorfahren aus dem Jahr 1837 um Grundstücksgrenzen dokumentieren. „Das sind doch interessante Geschichten. Die Personen gewinnen dadurch mehr Profil. Man erfährt viel über das bäuerliche Leben im 19. Jahrhundert.“ Daher geht es ihm nicht darum, seine Ahnenlinie möglichst weit zurückzuverfolgen, sondern darum, Familiengeschichten aufzuspüren.

Großmutters Plätzchen

Die Nachforschungen haben manchmal ganz handfeste, praktische Folgen: So hat er mit seinem Bruder zwei Kochbücher seiner Großmutter entdeckt, die noch in altdeutscher Schrift verfasst waren. Die Rezepte wurden entziffert und transkribiert. 300 Seiten wurden erfasst. Nun sind die Weihnachtsplätzchen auch für die heutige Generation überliefert.

Sein Hobby nimmt viel Zeit in Anspruch. Manchmal auch zum Leidwesen der Familie. Doch seine Tochter hat auch schon davon profitiert: Über den Priester in der NS-Zeit hat sie dank der gesammelten Unterlagen ein Referat im Leistungskurs Geschichte in der Schule halten können. Drei Kinder hat Bold mit seiner Frau, die aus dem Hemshof stammt, und wegen der er vor fast 30 Jahren nach Ludwigshafen gezogen ist. Dort haben die beiden ein unter Denkmalschutz stehendes Haus in der Prinzregentenstraße gekauft. Es wurde 1896 gebaut von einem Kaufmann, der noch weitere Mietshäuser in Ludwigshafen besaß. Sein altes Haushaltsbuch besitzen die neuen Eigentümer des Hauses – auch das ist ein Dokument der Zeitgeschichte und Forschungsstoff für Bold. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt er.

Im Netz

Weitere Infos zu den Projekten des Vereins für Computergenealogie im Netz unter www.compgen.de.

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