Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Fahrradschule: Gutes Training für die Straße

Elegant gemeistert: Die 17 Elemente des Parcours ahmen holpriges Pflaster, Schlaglöcher oder Spurrillen nach.
Elegant gemeistert: Die 17 Elemente des Parcours ahmen holpriges Pflaster, Schlaglöcher oder Spurrillen nach.

„Radel-rum“ heißt ein Projekt, mit dem Schüler der fünften bis siebten Klasse lernen sollen, sich auf dem Fahrrad selbstständig und gut im Straßenverkehr zurechtzufinden. Wie das konkret aussieht, war jetzt am Max-Planck-Gymnasium zu erleben.

Ich habe Angst, mit dem Reifen in den Straßenbahnschienen steckenzubleiben“, erzählt Isabelle von ihrem Schulweg. Acht von 20 Kindern der Klasse 5c am Max-Planck-Gymnasium (MPG) in Friesenheim fahren mit dem Fahrrad in die Schule. Mit einem Parcours will „Radel-rum“ Schülerinnen und Schüler deshalb mehr Sicherheit im Straßenverkehr geben.

An zehn Projektschulen im südlichen Rheinland-Pfalz geht das neue Pilotprojekt für Verkehrserziehung an den Start. Die Landesverkehrswacht, das Pädagogische Landesinstitut und das Ministerium für Wirtschaft Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau haben es ins Leben gerufen. Nach der Auswertung der Erfahrungen soll der Parcours dann, wenn die Rückmeldungen positiv sind, durch ganz Rheinland-Pfalz touren. In einem Anhänger bringen die Moderatoren der Landesverkehrswacht die 17 Fahrradparcours-Elemente zur Schule. Auf dem Hof bauen sie diese gemeinsam mit Lehrern und Schülern auf.

Unsicherheit ist häufige Unfallursache

Die Autotür aus Plastikfolie reißt Hanibal auf. Amelie fährt vorausschauend auf ihrem Fahrrad. Schon bevor die Tür aufgeht, weicht sie nach links aus. Solche Situationen kennen die Kinder aus der 5c auch im wirklichen Leben. Morgens sind rund um die Schule nahe der BASF und dem Klinikum viele Menschen mit Autos und der Straßenbahn unterwegs. Doch auch bei Dunkelheit, Regen und Glätte müssen die Kinder oft mit dem Fahrrad in die Schule. „Am Kreisel habe ich Angst auszurutschen, wenn die Pflastersteine nass sind“ erzählt Anton.

Am Dienstag scheint die Sonne auf den Parcours im Schulhof des Gymnasiums. Elegant überquert Carla im stumpfen Winkel die Schiene, die in ein Holzelement eingelassen ist. Holpriges Straßenpflaster, Schlaglöcher oder Spurrillen ahmen die Holzelemente bei „Radel-rum“ nach. Auf dem geschützten Schulhof können die Kinder Erfahrungen sammeln. Bevor sie auf ihre Fahrräder steigen dürfen, geht Lehrerin Nicole Lawonne, die das Projekt am MPK organisiert, gemeinsam mit Kollege Sebastian Lind mit ihnen die Stationen des Parcours ab. Klassenlehrerin Caroline Lind fragt bei einzelnen Jungs und Mädchen, die nicht richtig aufpassen, das Gehörte ab.

Motorische Fähigkeiten haben nachgelassen

Falsches Verhalten und Unsicherheit sind die häufigsten Ursachen für Verkehrsunfälle. Fast jeder zweite Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren, der 2019 im Straßenverkehr verunglückte, war dem Statistischen Bundesamt zufolge mit dem Fahrrad unterwegs. „Polizisten und Lehrkräfte berichten seit Längerem von einem Nachlassen der motorischen Fähigkeiten der Kinder, auch beim Radfahren“, erklärt Andreas Opfermann-Hauch von der Landesverkehrswacht Rheinland-Pfalz. „Das veranlasste die Mitglieder des Arbeitskreises Kinder und Jugendliche im rheinland-pfälzischen Forum Verkehrssicherheit, neue Wege zu gehen“, erläuterte Jördis Gluch, Präventionsberaterin Unfallkasse Rheinland-Pfalz, den Hintergrund der Initiative.

Ziel sei es, dass Kinder und Jugendliche der Klassenstufe fünf bis sieben mit Freude und Kompetenz lernen, sich selbstständig im Straßenverkehr zurechtzufinden, so Hans-Joachim Apelt, Referent für Verkehrserziehung am Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz. Zwischen der Fahrradausbildung in der Grundschulzeit und dem Erwerb des ersten Führerscheins klaffe bislang eine riesige Lücke. Auch außerhalb der Schule wolle das Projekt mehr Sicherheit im Straßenverkehr erreichen, erklärt Jörg Holzhäuser vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau.

Nicht nur Kinder machen Fehler

„Beim Fahrradführerschein in der vierten Klasse haben wir den neuen Schulweg geübt“, erinnert sich Hanibal. Um eine Schranke herumzufahren fällt ihm mit seinem großen grünen Fahrrad am schwersten. Doch nicht nur Kinder machen Fehler. Mit gedankenlosen Autofahrern hat Emir Erfahrung: „Am Zebrastreifen hat mich ein Autofahrer nicht rübergelassen“, klagt er. „Augenkontakt aufnehmen ist wichtig“, erklärt Amelie an der Ausweichstrecke, wo es Gegenverkehr geben könnte.

Die Kinder haben an diesem Morgen viel gelernt. Doch auch vielen Erwachsenen kann es nicht schaden, schwierige Situationen im Straßenverkehr zu üben, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Auto.

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