Ludwigshafen Für ihre Kunden ist Rosa eine Legende

An der Kasse: Rosa Bommaci, die ihren Laden nach mehr als 24 Jahren abgeben wird.
An der Kasse: Rosa Bommaci, die ihren Laden nach mehr als 24 Jahren abgeben wird.

„Sie ist eine Legende“, sagt Francesca, eine Schulfreundin aus Kindertagen, in Rosas Küche. Rosa Bommaci widerspricht nicht, lächelt über den Vergleich, stellt Kaffeetasse, Zucker und ein Glas Wasser auf den Tisch und verschwindet nebenan im Laden, weil ihn jemand betreten hat. Die 54-Jährige trägt ein warmes helles Oberteil, Jeans und eine blaugrüne Schürze. Im Laden ist es kühl. Sobald keine Kundschaft mehr im Raum ist, schaut die Geschäftsfrau wieder in der Küche vorbei und beantwortet Reporterfragen. Auf dem Herd steht eine große Pfanne, die ihren Inhalt bei geringer Wärmezufuhr geräuschlos seiner Vollendung entgegenführt. Essen zubereitet wird nur nebenbei. Rosa lebt für ihren Laden, für die Bestellungen aus Italien, für ihre Kunden aus der näheren und weiteren Umgebung: vor allem das medizinische Personal der Intensivstation im Klinikum, schräg gegenüber. Gerade dieses Team bevorzugt in der Mittagspause belegte italienische Brötchen: Mafalda, Panini, Ciabatta oder Pagnottini werden mit Köstlichkeiten wie Carpaccio, Parmaschinken, Rucola oder Auberginen belegt. „Manchmal muss ich 30 oder 40 Stück machen, und manche Kunden rufen erst um 11 Uhr an und wollen alles schon eine Stunde später abholen“, erzählt die freundliche Geschäftsfrau mit dem streng nach hinten gefassten hellen Haar. Doch ihre Kunden seien ihre Freunde, sagt die 54-Jährige. „Sie kommen auch von drüben, von der BASF, aber auch aus Worms und Frankenthal.“ Aus den Stadtteilen sowieso. „Sogar von der RHEINPFALZ.“ Rosa Bommaci führt in der Hohenzollernstraße den Feinkostladen Mercantino Italiano da Rosa. Ihre Warenpalette besteht aus wunderbaren Köstlichkeiten, direkt importiert aus Italien: Wurstwaren, Milchprodukte, Öl, Essig, Gewürze, Pasta, Antipasti und derzeit auch typisch italienisches Weihnachtsgebäck. Dies und noch viel mehr kaufen nicht nur italienische Landsleute. Ihre deutsche Stammkundschaft wisse sehr wohl die Qualität ihrer Ware zu schätzen, sagt die gebürtige Sizilianerin, die als Fünfjährige nach Deutschland gekommen und im Laden ihrer Eltern aufgewachsen ist. Der war in der Rohrlachstraße im Hemshof. Auch Rosa hatte ihr erstes Geschäft im Hemshof, am Goerdelerplatz. Seit der Jahrtausendwende lebt sie jedoch mit ihrem Mann in der Hohenzollernstraße. In dem Haus war vorher eine Schuhmacherwerkstatt. „Als der Mann aufgab, haben wir das Haus gekauft und das Geschäft hier aufgemacht“, berichtet Rosa Bommaci, die Mutter dreier erwachsener Kinder und fünffache Oma ist. Im Laden ist Betrieb. Rosa Bommaci entnimmt ihrer Aufschnittmaschine gerade hauchdünne Scheiben von einer Mortadella, die fast den Durchmesser eines Fiat-500-Rads hat. Manche Kunden wollen es nicht wahrhaben: „Stellen Sie sich vor, die Rosa macht an Silvester den Laden zu“, sagt, fast im Flüsterton, eine ältere Frau. Doch es ist kein Geheimnis mehr. Allerdings kann man mit der Ladeninhaberin weder hier noch in der Küche in Ruhe darüber reden. Offenbar deshalb hat Rosa Bommaci sich schriftlich vorbereitet. Auf einem A-4-Blatt teilt sie ihren „lieben Kunden, Nachbarn und Freunden“ mit, dass es „trotz Tränen in den Augen und schmerzenden Herzens“ soweit sei und „wir uns entschlossen haben“, den Laden nach mehr als 24 Jahren zu schließen. Wenn sie die Mehrzahl gebraucht, meint sie ihren Ehemann Vito, der seit 41 Jahren bei der Stadtverwaltung Mannheim angestellt ist, der aber auch im „Da Rosa“ klare Aufgaben hat – zum Beispiel alle vier bis fünf Wochen die Warentransporte aus Turin zu organisieren, meistens selbst hinzufahren. Francesca, die Gefallen daran gefunden hat, Auskunft über ihre Freundin zu geben, sagt, dass Rosa sogar schon für Kunden gekocht habe, dass sie eine tiefgläubige Frau sei, die mit Krankenhauspatienten auch schon mal bete. „Hier in der Küche“, zeigt sie auf einen Stuhl. Und wenn es nicht anders gehe, bringe sie ihren Kunden sogar die Bestellungen nach Hause. „Ohne Transportkosten!“ Auf dem Abschiedsbrief steht: „Wo ein Ende, da auch ein Anfang.“ Dazu sagt Rosa Bommaci: „Ich will anfangen, dass ich ein bisschen lebe.“ Bisher habe sie nur fürs Geschäft gelebt, „ich habe nie Einladungen annehmen können, das soll jetzt endlich anders werden.“ So schnell dürfte es aber in nächster Zukunft nicht anders werden, denn Rosa Bommaci kann offenbar nicht so leicht aufhören. Sie wird ihr Geschäft vermieten. „An eine Italienerin, die ich kenne, seit sie kleines Mädchen war.“ Die 35-Jährige, sagt sie, wolle den Feinkostladen in ihrem, Bommacis Sinn, weiterführen. Deshalb werde sie ihre Nachfolgerin anlernen und sie mit den Stammkunden bekanntmachen. „Bis alles läuft, werden noch Wochen oder Monate vergehen“, vermutet Rosa Bommaci, und wirkt irgendwie erleichtert. Im neuen alten Feinkostladen wird sich die Atmosphäre wohl kaum ändern. Die Energie der Sizilianerin wird bleiben. Nur die Mortadella von der Größe eines Autorads wird nicht mehr von Rosa Bommaci aufgeschnitten. Es sei Zeit für einen Neuanfang.

Immer gefragt: hauchdünne Mortadella-Scheiben.
Immer gefragt: hauchdünne Mortadella-Scheiben.
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