Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Experimente in der Matthäuskirche

Kein traditioneller Kirchenbau: Hier ist Raum für Provisorisches.
Kein traditioneller Kirchenbau: Hier ist Raum für Provisorisches.

Dem Gotteshaus in West steht ein behutsamer Wandel bevor. Eine Gruppe von Ehrenamtlichen hat viele Ideen.

Liegestuhl und Sitzsäcke statt Kirchenbänke? Grünkohl und Katzengras im Kirchgarten? Die Ludwigshafener Matthäuskirche will sich neu erfinden. Deshalb wird seit einem Jahr mit Möbeln und Pflanzen experimentiert. Die Zeichen stehen auf Wandel: Das Gemeindehaus soll einer Kita Platz machen. Die Kirche selbst soll dann auch Gemeindehaus sein. Diese Idee will die Gemeinde zunächst ausprobieren, bevor sie sich endgültig entscheidet. Ehren- und Hauptamtliche der Jona-Kirchengemeinde experimentieren nun in und mit der protestantischen Matthäuskirche. Daher lautet der Name dieses Projekts „Experimatthäus“.

Das Gotteshaus wurde in den 1960er-Jahren errichtet und sieht daher nicht wie ein traditioneller Kirchenbau aus. Es gibt keinen kreuzförmigen Grundriss, sondern einen Zentralbau, Beton dominiert. „Es ist ein Ort, der mit Provisorien leben kann“, findet Gemeindepfarrerin Kerstin Bartels. Dabei ist ihr bewusst, dass Kirchenräume behutsam verändert werden müssen, weil viele Menschen ganz persönliche Erinnerungen damit verknüpfen. „Da ist es gut, wenn ein Experimentierraum auch zum Segensraum wird und auf jeden Fall auch Gottesdienstraum bleibt.“

Gottesdienst im Liegestuhl

Das Presbyterium hat Aktive aus Ludwigshafen-West um Unterstützung gebeten. Einer von ihnen ist Thomas Wolf, der sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert. Um ihn hat sich eine Gruppe gebildet, die mit Eifer die Kirche neu entdeckt. Im August 2021 ging es richtig los: Baustellenschild rein, zwei Drittel der Kirchenbänke raus. Auf den verbliebenen sitzen die älteren Besucher noch gerne. Andere nehmen auf Sitzsäcken, Hockern oder im Liegestuhl Platz.

In vielen Dingen lassen Kerstin Bartels und ihr Kollege Florian Grieb den Ehrenamtlichen freie Hand. Eine Bedingung: Die Kosten sollen so gering wie möglich ausfallen. Hier setzt die Gruppe auf Spenden und hat schon etliche Möbel in die Kirche geholt: eine Einbauküche sowie Schränke, um Dinge aus dem Gemeindehaus unterzubringen. Die Stadt gab ausrangierte Stellwände dazu, hinter denen sich das Stuhllager versteckt. Experimentiert wird mit dem Sichtschutz, mit Tischen und Licht.

Was passiert mit dem Altar?

Auch vor dem Altar macht der Wandel nicht halt. Er soll – zunächst testweise – an eine andere Stelle rücken. Eine Toilette braucht die Kirche noch. Freies WLAN, das vor allem Jugendliche nutzen, ist schon eingerichtet. Das Team der Ehrenamtlichen schwärmt von den Ideen, die sich schon verwirklichen ließen: eine Lesenacht mit Übernachtung für Kinder und ein Gottesdienst mit Bands. Die Kirche bietet Platz dafür. Die Gruppe hat noch mehr vor: Schlagernachmittag, Tanz-Café, Sitzgymnastik, Bingo, Sketch-Aufführungen, Konzerte, Lesungen, Weihnachtsmarkt, eine Andacht auf Knopfdruck zum Hören, kreative Angebote oder ein Gottesdienst mit Krimi-Lesung. Pfarrerin Bartels denkt über ein Trauer-Café nach Beisetzungen nach. Der Hauptfriedhof liegt direkt hinter der Kirche.

Auch im brachliegenden Kirchgarten wird gearbeitet. Seit dem Frühsommer bepflanzt das Team alles, was es in die Hände bekommt: Toaster, Schuhe, eine Puppen-Wiege oder Stühle. Die Ehrenamtlichen ernteten Bohnen, Gurken und Petersilie und freuen sich auf Grünkohl, Portulak und Mangold. Der Mitmach-Garten soll Kita-Kinder und Menschen aus dem Stadtteil anziehen. Besonders im Blick: die Anwohner der Bayreuther Straße mit Not-Wohnungen für jene, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Der Kontakt zu einem Sozialarbeiter ist hergestellt.

Die Matthäuskirche soll ein richtiger Treffpunkt zum Austausch werden. Der Standort ist immer mehr auf dem Weg zur diakonischen Zweigstelle: Während der Pandemie zogen die Kleiderkammer „Tragbar“ und die Lebensmittelretter mit der „Essbar“ ins Gemeindehaus und dessen Garage. Ein Recycling-Kaufhaus unterstützt die Matthäus-Initiative. Auch mit Diakonie und Caritas arbeitet sie zusammen.

Noch Fragen?

Das „Ansprechbar“-Café ist freitags 10.30 bis etwa 13 Uhr geöffnet.

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