Ludwigshafen
Matthäuskirche: Warum eine Kirchengemeinde neue Wege geht
Es war alles etwas anders als sonst: Der Nachmittagsgottesdienst am Sonntag begann vor und nicht in der Kirche. Vielleicht auch deshalb, um Spannung aufzubauen. Wie wird es im Innern nach zwei Tagen Ideen sammeln und Umgestalten wohl aussehen? „Experi-Matthäus“ hat die protestantische Jona-Kirchengemeinde das Experiment getauft. Ein Großteil der Kirchenbänke ist am Wochenende ausgebaut worden und wird derzeit im Gemeindehaus gelagert. Einige blieben sozusagen als Konstante stehen. Veränderungen in Kirchenräumen müssten sensibel begleitet werden, weil für viele Menschen Erinnerungen von Lebensereignissen damit verknüpft seien, so die Pfarrerin. Verbunden war die Aktion mit einem Großreinemachen, so dass die Kirche am Sonntag zum Gottesdienst in frischem Glanz erstrahlte.
Die Leere in der Kirche – was hat sie zu bedeuten? „Leere kann etwas Positives sein, aber auch etwas Negatives“, unterstreicht Bartels. Die rund 20 Helfer, darunter Mitglieder des Presbyteriums, des Zukunftsausschusses und Bürger des Stadtteils West – Jung und Alt, vom Enkel bis zur Großmutter – haben die Leere mit Leben gefüllt. „Am Samstagabend wurde spontan gemeinsam gesungen, die Menschen konnten sich frei in der Kirche bewegen“, sagt Bartels. Die fehlenden Kirchenbänke hatten die Mitwirkenden durch alternative Sitzgelegenheiten ersetzt: Sitzsäcke, Liegestühle, Kirchentagshocker, Stühle aus dem Gemeindehaus. Ein buntes Sammelsurium – quicklebendig.
„Uns geht Infrastruktur verloren“
Da das Gemeindehaus demnächst abgerissen und einer Kindertagesstätte weichen wird, kommt der 1966 gebauten Matthäuskirche eine neue, veränderte Bedeutung zu. So wird sie nicht nur für Gottesdienste, sondern auch als Treffpunkt für Sitzungen, beispielsweise des Presbyteriums, genutzt werden und rückt noch mehr als Ort der Begegnung in den Fokus. „Durch den Abriss geht uns die Infrastruktur verloren“, erklärt Bartels. Das fängt ganz praktisch bei den Toiletten an und hört bei der Heizung auf. Der Einbau einer barrierefreien Toilette in der Matthäuskirche steht auf der Agenda, und um nicht immer die komplette Kirche heizen zu müssen, ist ein „Raum-in-Raum-Konzept“ in Planung. „Ob Zelt, Segel oder Pavillon – wie das genau aussehen wird, werden wir noch entscheiden“, so die Pfarrerin. Auch frei im Raum verschiebbare Wände könnten eine Möglichkeit für die Zukunft sein.
Dem Thema des gemeinsamen Essens kommt in der Matthäuskirche traditionell eine wichtige Bedeutung zu. Dafür steht aktuell eine Behelfsküche in der Sakristei zur Verfügung. Eine Theke auf Rollen oder eine Küchenzeile im Kirchenraum könnten weitere Optionen sein. Vieles ist noch offen. Was passiert beispielsweise mit den Pfälzer Lebensmittelrettern, die neben der Garage auch Räumlichkeiten des Gemeindehauses nutzen und sich mit ihrer Arbeit weit über die Stadtteilgrenzen hinaus einen Namen gemacht haben?
Zukunft noch unklar
„Hier sind wir schon länger in Gesprächen und suchen nach einer Lösung. Durch den Neubau des Kitagebäudes werden wir nicht mehr viel Freifläche haben“, unterstreicht Bartels, der die sozial-diakonische Arbeit jedoch am Herzen liegt. Dass der Tag des Abrisses kommen wird, ist klar. Wann dieser allerdings sein wird, vermag die Pfarrerin noch nicht zu sagen. „Wir füllen im Moment ein Vakuum. Wenn es dann so weit ist, müssen wir uns auch die Frage stellen: Wird die Matthäuskirche trotz des Abrisses und Neubaus bespielbar bleiben?“, sagt Bartels, die dafür kämpfen möchte, dass auch in dieser Zeit weiter Gottesdienste in dem Gebäude gefeiert werden können. Was mit den im Gemeindehaus gelagerten Kirchenbänken in Zukunft passieren wird, ist noch nicht klar. Darüber werde zu gegebener Zeit die Landeskirche entscheiden müssen, erklärt Bartels.
Übrigens: Die alteingesessenen Gottesdienstbesucher haben sich dann doch auf „ihre“ noch vorhandenen Plätze auf den Kirchenbänken gesetzt. Aber auch die übrigen Sitzgelegenheiten, sicherlich um einiges gemütlicher, waren am Sonntagnachmittag beim Gottesdienst heiß begehrt.