Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Existenziell, poetisch und mit Lust am Risiko: Auftakt des Festivals „Freier Tanz im Delta“

In der Gewalt-Spirale gefangen: (von links nch rechts) Matthew Tusa, Verena Wilhelm und Ioulia Kokkokiou in „Paper Tigers“ des i
In der Gewalt-Spirale gefangen: (von links nch rechts) Matthew Tusa, Verena Wilhelm und Ioulia Kokkokiou in »Paper Tigers« des international ausgezeichneten Choreografen Matthew Tusa.

Ein pinker Dino, ein Nixentraum und die düstere Frage nach dem Sinn: Das Festival „Freier Tanz im Delta“ im Mannheimer Felina-Theater trumpft mit 36 Premieren auf.

Das Felina-Theater in der Neckarstadt-Ost zeigt sich einmal mehr als Wohnzimmer der Freien Tanzszene: schwarz, schlicht, schnörkellos. Das Publikum ist bunt gemischt, Szene-Kenner, neugierige Tanzfans, viele junge Gesichter. In vierzehn Jahren ist das Festival auf vier Abende angewachsen, mit jeweils unterschiedlichem Programm und diesmal 36 Premieren. Jedes Stück eine eigene Bewegungswelt, viel Existenzielles darunter und Ironisches.

Als tiefgründig-ironisch erwies sich das „Masturpiece: Major Tom“ von und mit Seung Hwan Lee. Zur Musik von David Bowie gibt es Körpertheater, eine Szene mit Jogging-Runden im Bühnen-Orbit, Bodybuilder-Posen und Sauna-Nebel. Originell ist der Pas de deux mit verquer getragener Hose und Schuhen. Zuletzt wird die Kleidung abgelegt und offenbart die Sinnfrage: „Am Ende sind wir alle Jacke wie Hose, die, abgelegt, darauf warten, dass ihnen jemand Bedeutung verleiht“.

Der Nachrichtenflut erlegen?

„D+B=Herz“ ist der kryptisch verklausulierte Titel einer Choreografie von Doris Lingenau, die sich um toxische Beziehungen dreht – zu Menschen und Dingen. Das Stück spielt auf der Kitsch-Klaviatur (Musik: „Only You“ von The Platters), lässt Tänzerin Clara Baumann singen, posieren, im honiggoldenen Flackerlicht lästige Moskitos abwehren. Erliegt das Individuum der epidemischen Nachrichtenflut, bleibt ans Handy, den imaginären Partner gefesselt? Ein „Nein“ bietet Hoffnung.

Die Themen Freiheit und Körper dekliniert die israelische Tänzerin und Choreografin Bar Gonen in ihrem Stück „Elusive Matter“ mit Witz: Ein pinkfarbener Plastik-Dino wird zum Anlass eigener Körpererforschung. Zu „Chimes of Freedom“ von Bob Dylan, später abgerundet durch „A Cat In A Sack“ von Inbal Perlmuter, lotet die Künstlerin die Widersprüchlichkeit von Freiheits- und Körperkonzepten aus. Vor dem Hintergrund einer veränderten Weltlage erhalte ihr 2024 geschaffenes Stück eine besondere Bedeutung, ein Wandel sei nötig, Verbundenheit und Mitgefühl.

In Samira Haags Choreografie „Sein lassen“ erforschen die Tänzerinnen ihren Standpunkt, ihre Balance, sie schmelzen spiralig in den Boden, einzeln, miteinander, achtsam, zärtlich. „Ich verlagere mein Gewicht / ich stehe / Stille“. In einem beschaulichen Set aus Stehlampe, Sessel, Teppich agieren zwei Tänzerinnen in „I’m syncing“. Joelina Rietsches Choreografie entfaltet Momente kammerspielartiger Intensität: pulsierender Sound, zuckende Körper, die miteinander ringen und fließen.

Cool das Ganze!

Düster und existenziell wirkt „Call of the Void“ von Cedric Bauer. Der Choreograf macht seine zwei Tänzerinnen zu „Pre Petrunko, schönsten Mädchen“: ins Leere gerichtete Blicke, die ein imaginäres Gegenüber zu fixieren scheinen, ein Spiel mit Verhüllungen. Entziehen sich die Tänzerinnen dem Male Gaze, dem männlichen Blick? Reklamieren sie Autonomie? Cool das Ganze!

Freiheit und Verhaftet-Sein in einer Welt unter Wasser: Dem poetisch-existenziellen Nixen-Thema ist Enora Gemin in ihrem selbst getanzten Stück „Jardin sous l’eau (Musik: Christian Zanesi) auf der Spur. Das beim Internationalen Tanztheaterfestival Erfurt preisgekrönte Stück macht Sehnsüchte und Zerrissenheit des Mischwesens erlebbar in kraftvoller, intensiver Bodenarbeit. Halbkörperliche Nacktheit und das Spiel mit langem Haar verlieh der Darstellung eine natürliche Authentizität: Poesie pur.

Oben ist nichts Gutes zu erwarten bei „Johnny sees from above“ von Teresa Curotti.
Oben ist nichts Gutes zu erwarten bei »Johnny sees from above« von Teresa Curotti.

Ein dystopisches Solo gelingt Teresa Curotti mit ihrem Stück „Johnny sees from above“, für das sie auch den Sound gestaltet hat: Flugzeuglärm, schwirrende Propeller, ratternde Züge, wirken quasi „von oben“ auf einen geschundenen, gehetzten, ferngesteuerten Körper. Zittern, Vibrieren, Atemlosigkeit. Von oben ist nichts Gutes zu erwarten.

„Paper Tigers“ des international ausgezeichneten Choreografen Matthew Tusa ist ein Drama für vier: Ioulia Kokkokiou, Verena Wilhelm, Anton Rudakov und Matthew Tusa agieren mit toller Präsenz, verhaftet ihren Überlebensinstinkten und unfähig zu echter Verbindung, bleiben sie in einer Gewalt-Spirale, in der Sackgasse von Dominanz und Unterwerfung stecken. Entsprechend drastisch ist die Tanzsprache. Hart, aber angemessen für einen ästhetisch vielfältigen Abend.

Termine

Zweiter Abend, 18. September, 19 Uhr/20. September, 18 Uhr. Dritter Abend, 25. September, 19 Uhr/27. September, 18 Uhr. Vierter Abend, 2. Oktober, 19 Uhr/4. Oktober, 18 Uhr. Programm: www.theater-felina.de, Holzbauerstraße 6-8.

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