Ludwigshafen Europa ist eine Energiesparlampe

Placeholder-Image

Brexit, Flüchtlingsstreit und Schuldenkrise spalten die Europäische Union. In Zeiten wie diesen erscheint „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“, das Programm, mit dem Thomas Freitag derzeit auf Tour ist, hochaktuell. Der Altmeister des politischen Kabaretts gastierte in der ausverkauften Mannheimer Klapsmühl’ am Rathaus.

Es beginnt mit einem Knall, mit Hupen und quietschenden Reifen. Offenbar ein Verkehrsunfall, der nicht zu sehen, nur zu hören ist. Das Tatütata des Martinshorns geht über in das Piepen eines Elektrokardiographen. Auf der Bühne qualmt es, bis aus dem Nebel Thomas Freitag auftaucht. Er sei Peter Rübenbauer, sagt er, der EU-Beauftragte für den europäischen Kreisverkehr und als solcher nun ausgerechnet in einem Verkehrskreisel verunglückt. „Da kam mir dieses Auto entgegen und dann bin ich geflogen“, erinnert er etwas verwirrt. „Aber das war anders als sonst, das war nicht Businessclass“, wundert er sich. In staubigen Schuhen und einem verschmutzten Anzug findet er sich irgendwo zwischen Leben und Tod wieder, zwischen dem strahlenden Licht am Ende des Tunnels und spärlich schimmernden Energiesparlampen, an einer Haltestelle, die kein Bus mehr anfährt. Von dieser in höhere Sphären enthobenen Warte aus, blickt Freitag alias Rübenbauer zurück auf die eigene Lebensleistung, die Einrichtung von 20.000 europäischen Kreisverkehren und auf die große Idee Europa. Die Vorstellung, dass überall auf unserem geeinten Kontinent gleiche und freie Menschen ohne Armut zusammenleben, gelte nicht mehr, stellt er enttäuscht fest. Europa eine derzeit alleine der Wille, den Reichtum und die Religion seiner wohlhabenden Bürger zu verteidigen, unser Geld und unseren Gott, das Christentum. Freitags 17. Soloprogramm ist dabei mehr ein Einpersonenstück als gewöhnliches Kabarett. Der große Kleinkünstler verzichtet ganz auf die famosen Politiker-Parodien, die ihn in den 1980er Jahren bekannt gemacht haben und die die Fans erwarten. Der 66-Jährige zeigt dennoch seine parodistischen Fähigkeiten, wenn er im Laufe des Abends mühelos in verschiedene Rollen schlüpft und das „Projekt“ Europa von ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Wie nebenbei macht er dabei klar, dass Europa vielleicht doch mehr ist als Song-Contest, Champions League, Kreisverkehr und Energiesparlampe. An der aufgelassenen Haltestelle begegnet der EU-Bürokrat Rübenauer nämlich so einigen Gestalten, die Europa verkörpern. Dem griechischen Göttervater Zeus etwa, der heute auf 450-Euro-Basis die Taverne „Poseidon“ betreibt und meint, die Milliarden, die für Griechenland flossen, seien kein Almosen, sondern lediglich die angemessene Rückzahlung aller Ouzos, die seit Jahrzehnten „aufs Haus“ kredenzt werden. Oder dem evangelischen Selbstmordattentäter Hans-Peter Maurer-Seitenbach, der schwäbelnd mit seinem Sprengstoffgürtel aus Birkenstocksandalen droht und als Belohnung im Jenseits auf 36 Sozialpädagoginnen in Wollpullovern hofft. Aber auch auf den Bürgermeister aus dem bayerischen Brunzhausen, der dann doch wie Franz Josef Strauß klingt und findet: „Europa ist eine gute Sache, aber man hätte sie nicht mit anderen Ländern machen sollen.“

x