Ludwigshafen „Es waren besondere Jahre“
„Man sollte gehen, wenn es am schönsten ist“, sagt Andrea Gronemeyer. Nach 15 Jahren verlässt die Intendantin des Jungen Nationaltheaters Mannheim. „Es waren besondere und glückliche Jahre“, bilanziert sie. Doch jetzt sei es Zeit, das Haus in neue Hände zu geben und selbst noch einmal nach neuen Herausforderungen zu suchen. Das tut Gronemeyer ab September als Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters Schauburg in München.
Andrea Gronemeyer kann sich noch genau an ihren ersten Besuch in Mannheim erinnern: „Es waren gerade Schillertage, und ich war begeistert von dem Theaterfest. Ich habe gespürt, dass in Mannheim das Theater zum Stadtleben dazugehört.“ Das habe sie veranlasst, das Angebot des Nationaltheaters anzunehmen und ab der Spielzeit 2002/2003 die Leitung des Kinder- und Jugendtheaters Schnawwl zu übernehmen. Zuvor war sie am freien Theater Comedia Colonia in Köln als Regisseurin, Dramaturgin, künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin tätig. An einem großen kommunalen Theater mit vier Sparten zu arbeiten, war also eine ganz neue Erfahrung für sie. Genau diese Spartenvielfalt wollte die neue Direktorin des Schnawwl nutzen. „Obwohl es am Nationaltheater neben dem Schauspiel auch Oper und Tanz gab, fand im Bereich der Kinder und Jugendlichen nur Sprechtheater statt“, erinnert sie sich. „Ich wollte Kinderoper machen.“ Beim damaligen Operndirektor Dietmar Schwarz stieß sie dabei auf offene Ohren. Doch nicht nur mit Kinderopern bereicherte Andrea Gronemeyer das Schnawwl, sondern auch mit Tanzstücken. Mittlerweile sind Oper und Tanz fester Bestandteil im Repertoire des Jungen Nationaltheaters. Auch beim Sprechtheater setzte Andrea Gronemeyer nicht nur auf die Inszenierung fertiger Stücke, sondern bemühte sich verstärkt um neue Texte. So gab es in ihrer Ära sehr viele Uraufführungen, mit denen das Schnawwl-Ensemble dann in Theatern rund um den Globus auftrat. Überhaupt spielt für die scheidende Intendantin der internationale Austausch eine große Rolle. „Tahrir Tell“, das 2013 bei den Schillertagen Premiere feierte, war Ergebnis einer Kooperation mit einem ägyptischen Theater, „Der Junge mit dem Koffer“ (2011) eine Koproduktion mit dem Ranga Shankara Theater im indischen Bangalore. Für Andrea Gronemeyer war es aber ebenfalls wichtig, dass sich Mannheims Multikulturalität im Programm wieder findet. Jüngstes Beispiel ist „Babbilonia“, eine Ensemblearbeit nach Motiven von Jagoda Marinic. Das Stück erzählt von einem Haus in der Neckarstadt, in dem Menschen unterschiedlicher Nationalitäten wohnen. Während die Kinder sich gut verstehen, haben die Erwachsenen aufgrund der Sprachbarriere Probleme mit der Verständigung. Pionierarbeit leistete die 1962 in Niedersachsen geborene Theaterleiterin und Regisseurin auch in Sachen Kleinkindtheater. Zunächst zeigte das Schnawwl Stücke für Zweijährige in den Mannheimer Kindertagesstätten, mittlerweile stehen solche Stücke für die Allerkleinsten ganz selbstverständlich im Spielplan. Ein Kunstereignis für Mütter mit ihren Kindern ist das „Babytanzfest“. „Ich durfte immer viel ausprobieren“, betont Andrea Gronemeyer. „Beeindruckend ist auch das hohe Engagement aus der Mannheimer Bürgerschaft.“ Die Entscheidung, am Nationaltheater den Generalintendanten abzuschaffen und aus den Direktoren der vier Sparten eigenständige Intendanten zu machen, hat sich ihrer Meinung nach bewährt. „Wir konnten noch freier agieren, das hat dem Schnawwl ab 2013 noch einmal einen merklichen Schub gegeben.“ Gronemeyer hat in ihrer Ära viel erreicht: Vorstellungen und Zuschauerzahlen haben sich verdoppelt, das Junge Nationaltheater mit seinen unterschiedlichen Angeboten genießt einen exzellenten Ruf. Für die Intendantin ist es deshalb an der Zeit, den Staffelstab weiterzugeben. Ulrike Stöck, die zuletzt das Junge Staatstheater in Karlsruhe leitete, wird ab der kommenden Spielzeit ihre Nachfolgerin. „Ein Theater braucht immer wieder neue Impulse“, betont Andrea Gronemeyer. Die möchte sie mit ihrem Team, das zum großen Teil mit nach München wechselt, ab September in der Schauburg im Stadtteil Schwabing setzen. Vor allem im Bereich der Kinderoper mit zeitgenössischer Musik, Tanz für Kinder und Theater für Kleinkinder sollen Akzente gesetzt werden. An ihre Zeit in Mannheim werde sie immer gern zurückdenken, betont sie. Ihren großen Wunsch, nämlich, dass das Schnawwl aus der Alten Feuerwache in ein eigenes Haus zieht, konnte sie nicht verwirklichen, aber vielleicht gelinge das ja ihrer Nachfolgerin. „Das würde ich ihr wünschen.“