Ludwigshafen Es geht ums Wahrhaftige
Abends hob sich der Vorhang zu seiner Inszenierung von Halévys Oper „La Juive“, morgens kam der Regisseur Peter Konwitschny ins Café des Mannheimer Nationaltheaters, um über seine Arbeit als Regisseur und über seine kürzlich erschienene Biographie „Mensch, Mensch, Mensch! – Oper als Zentrum der Gegenwart“ zu sprechen. Ein unterhaltener Vormittag war garantiert.
„Ein Stuhl zu meiner Linken muss freibleiben: für Genosse Stalin“. Mit dem DDR-Witz und einem freien Stuhl begrüßte der Regisseur sein Publikum. Mit am Tisch waren Andrea Welker, Herausgeberin der Biografie, und Dramaturgin Bettina Bartz. Was als Biografie angekündigt war, ist eher eine schwergewichtige Bestandsaufnahme (500 Seiten mit vielen Inszenierungs-Fotos) geworden. Dokumentiert ist Konwitschnys Schaffen in Gesprächen, Interviews und konzeptionellen Vorüberlegungen zu seinen Inszenierungen in ganz Europa. Die Produktionsschritte werden darin verfolgt, auch der analytische Zugang zu den Inszenierungen. Aber auch Kindheit und Jugend des Regisseurs in der DDR werden beleuchtet. Der Buchtitel ist ein beliebter Stoßseufzer des Regisseurs, meint aber auch die vielen Menschen, die darin vorkommen. Konwitschny ist ein Wahrheitssucher, das wurde an diesem Morgen deutlich. In einer Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ ließ er Senta am Ende ein Dynamitfass anzünden und die Szenerie in die Luft sprengen. „Das Ganze muss verändert werden, um eine Erneuerung zu ermöglichen“, sagte der Regisseur zu dieser Radikallösung. „Wenn Senta wie sonst vom Pappfelsen hinten runter auf eine Matratze springt, das ist albern. Der Kontext heute hat sich verändert, und man muss das in eine passende Sprache übersetzen. Es ist auch an der Zeit, dass sich die Frauen den Opfergängen verwehren.“ Konwitschny fühlt sich einzig der Botschaft eines Werks verpflichtet und nichts anderem, ergänzte Bettina Bartz, die Dramaturgin und ständige Mitarbeiterin des Regisseurs: Das sei wichtiger, als die Regieanweisungen der Komponisten zu befolgen. „Unsere Arbeit erschöpft sich nicht in der Herstellung von Schönheit“, pflichtete ihr Konwitschny bei, „Ethik ist wichtiger als Ästhetik“. Und es müsse „wahrhaftig“ gesungen werden, was wichtiger sei als Schöngesang. Konwitschny hat auch Operette inszeniert: „Eine schwierige Kunst, oft schwieriger als Oper zu inszenieren“, sagt der Regisseur. Die Operette sei nur oft missbraucht worden, werde oft reduziert auf unbeschwertes Tralala. „Die Herren gehen in der Operette ins Nachtlokal, weil sie Probleme haben. Dadurch wird die Operette selbst zur Verdrängungsmaschine“. Gezeigt werde nur die Heiterkeit, die ernsten Themen dahinter würden ausgeblendet. „Meine „Csardasfürstin„-Inszenierung in Dresden wurde zum Skandal, weil ich das Stück ernstgenommen habe“, sagt Konwitschny. Dieser Regisseur erzählt die Geschichten der Oper so einfach, dass jeder sie versteht.