Ludwigshafener Geschichte(n)
Erste Ammoniaksynthese-Anlage der Welt in Oppau
Weit mehr als 80 Prozent ihres Jahresumsatzes machte die BASF in den ersten Jahrzehnten der Unternehmensgeschichte mit der Produktion von Farben aller Art und ihrer Vorprodukte. Das Unternehmen hatte sich vor allem durch eigene Forschungsergebnisse bis 1900 zum größten Hersteller künstlicher Farbstoffe der Welt entwickelt. Alizarin (1869), Anilinfarben (1897), Indigo (1897) und Indanthren (1901) waren Produkte, mit denen die BASF zu einem globalen Vorreiter avancierte. Die Produkte aus Ludwigshafen wurden nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern selbst im fernen Japan und in China vertrieben. Wie in keinem anderen Chemieunternehmen gelang eine Symbiose zwischen wissenschaftlicher Forschung und Wirtschaft.
Die BASF deckte mit ihren damals innovativen Farbprodukten vier Fünftel des gesamten Weltbedarfs – 90 Prozent der Produktion gingen in den Export. Jahr für Jahr kamen zu den verschiedenen „Farbfamilien“ neue Erfindungen hinzu – die internationale Textilindustrie konnte sich auf den Erfindungsreichtum der Chemiker am Rhein verlassen. Das lag vor allem auch daran, dass sich die BASF auf die Herstellung synthetischer Farbstoffe und ihrer Vor- und Zwischenprodukte konzentrierte und damit weltweite Marktführerschaft erlangte – die Anfänge der später erfolgreichen Herstellung von Arzneimitteln, Kautschuk oder Fotobedarf jedoch zunächst nur halbherzig förderte.
Start auf zwei Hektar Land
Die Bedeutung der BASF in der Farbstoffchemie machen die Unternehmensdaten für das Jahr 1900 deutlich. Damals beschäftigte die BASF 6300 Arbeiter, 146 Chemiker, 75 Ingenieure und Techniker sowie 433 kaufmännische Angestellte. Über 90 Prozent des Umsatzes wurden mit Farben erzielt, die auf einem überbauten Fabrikareal von 32 Hektar hergestellt wurden. Angefangen hatte die BASF 35 Jahre zuvor auf bescheidenen zwei Hektar. Als „Reserve“ besaß das Unternehmen im Hemshof und in Limburgerhof 206 Hektar Grund und Boden, auf denen ab 1913 in Limburgerhof die Landwirtschaftliche Versuchsabteilung und im Hemshof eine Arbeitersiedlung entstanden.
Fast unwissentlich wurden in diesen Jahren in der anorganischen Chemie die Weichen in die neue Richtung der Agrarchemie gestellt: Die Verflüssigung von Chlor (1888), das Schwefelsäure-Kontaktverfahren (1890/98) oder die Herstellung von Chlor auf elektrolytischem Weg (1897/99) waren Grundlagen für die Ammoniaksynthese durch Fritz Haber und Carl Bosch (1909). Der „Griff in die Luft“ wurde zum zweiten großen Standbein der BASF und war für die weltweite Landwirtschaft ein Segen. Und er machte die deutschen Munitionsfabriken unabhängig vom zur Neige gehenden chilenischen Salpeter bei der Herstellung von Sprengstoffen und Kriegswaffen.
Baugenehmigung nach drei Wochen
Das Haber-Bosch-Verfahren und seine industrielle Verwertung startete bei der BASF 1898 mit ersten Arbeiten über die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft – so der Historiker Werner Abelshauser in seiner „Unternehmensgeschichte der BASF“ von 2003. Zehn Jahre später war der richtige Weg zur Lösung des Problems gefunden – weitere 15 Jahre danach nahm 1913 die erste Ammoniaksynthese-Anlage der Welt in Oppau die Produktion auf. Die dafür notwendigen unternehmerischen und politischen Entscheidungen fielen 1911 in einem für die heutige Zeit unglaublichen Tempo, nachdem Carl Bosch zwei Jahre nach seinem Auftrag dafür das großtechnische Verfahren 1911 ausgearbeitet hatte.
Die wegweisende Entscheidung der BASF-Leitung für den Bau einer Ammoniakfabrik in Oppau fiel im Sommer 1911. In einer dramatischen Nachtsitzung beschloss der Oppauer Gemeinderat am 7. September 1911, der BASF das benötigte Gelände zu verkaufen. Die Auflage: Es durfte nicht für Wohnsiedlungen genutzt werden. Am 17. November 1911 reichte die BASF das Bau- und Genehmigungsgesuch beim zuständigen Bezirksamt Frankenthal ein und bereits am 9. Dezember kam die behördliche Zusage. Der erste Spatenstich wurde am 7. Mai 1912 völlig ohne das heute übliche Brimborium vollzogen – obwohl damit ein neues Zeitalter der Chemie eingeläutet wurde. Die neue Ammoniakfabrik wurde 1921 bei der Explosion eines Düngemittelsilos im Oppauer Werk zerstört und wurde wiederaufgebaut.
Nobelpreis für Haber und Bosch
Die wissenschaftlichen Voraussetzungen schuf Fritz Haber in der Uni Karlsruhe. Er hatte eine Apparatur entwickelt, in der aus einem Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch bei 200 Atmosphären Druck, Temperaturen von 600 Grad und mit einem Osmium-Katalysator Ergebnisse von sechs Prozent und mehr Ammoniak erzielt werden konnten. Der eigentliche Durchbruch lag nach BASF-Angaben in dem erstmals praktizierten Kreislaufverfahren des Synthesegases. Die BASF übernahm 1909 die Haber-Patente und ließ ihren Chemiker Carl Bosch das Verfahren großtechnisch ausarbeiten. Beide Wissenschaftler erhielten dafür den Nobelpreis – Haber 1918, Bosch 1931. Mit der Aufstellung eines alten Hochdruckofens vor ihrem Casino hat die BASF der Entwicklung ein Denkmal gesetzt.