Ludwigshafen Erst ein Kaffee, dann der Wurf

. Das Handy am Ohr, den Blick auf den Diskusring gerichtet: Gerhard Zachrau, Werfer-Urgestein der TSG Mutterstadt, schaute am Samstag gegen 13.20 Uhr nicht ganz so glücklich drein. Ausgerechnet der Top-Star des Werfer-Wettkampfes in Mutterstadt stand im Stau. Ehsan Hadadi, der Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele in London, Dimitr-Alexander Jontschew, sein Arzt, und auch Hadadis Physiotherapeut waren beizeiten aus dem schwäbischen Niefern aufgebrochen, um rechtzeitig im Sportpark Mutterstadt zu sein. Dort sollte schließlich Hadadis letzter Wettkampf vor den Asienspielen im südkoreanischen Incheon stattfinden. Gerade noch pünktlich traf er schließlich ein, der Mann, der 2012 bei den Olympischen Spielen nur knapp hinter Robert Harting landete. „Wir brauchen heißes Wasser. Wo bekommen wir nur so schnell heißes Wasser her?“, sagte Zachrau und lief wie ein aufgescheuchtes Huhn über den Platz. Der Iraner wollte heißes Wasser. „Für was brauchte ein Diskuswerfer kurz vor dem Wettkampf heißes Wasser?“, fragte die Konkurrenz verwundert. Mit einer Isokanne kehrte Zachrau aus der benachbarten Gaststätte zurück. Nach kurzem Suchen kramte Hadadi eine Dose Instant-Kaffee aus der Tasche hervor und strahlte über beide Ohren. Gespannt schaute die vor allem lokale Werferprominenz, wie sich denn ein Weltklasse-Athlet auf so einen Wettkampf vorbereitet. „Kräfte sparen, heißt offenbar sein Motto. Das mache ich jetzt auch“, sagte Dominique Zachrau, von Hause aus eigentlich Hammerwerfer, lachend. Der 29-jährige Hadadi machte wenig Probewürfe, haderte zunächst mit sich und seiner Leistung, kam aber in der Folgezeit immer besser in Fahrt und warf den Diskus im abschließenden Durchgang auf 64,10 Meter. Stadionrekord. Immer und immer wieder animierte er das kleine, aber feine Fachpublikum rhythmisch zu applaudieren. „Unter Druck kann er noch zwei, drei Meter mehr werfen“, erklärte Jontschew, der ihn in der Vergangenheit operierte. Bei dem Arzt hat sich Hadadi zuletzt in Deutschland auch auf die Asienspiele vorbereitet. Dort wird er als Goldmedaillenanwärter in den Diskuswurfring steigen. Den Wettkampf bei der TSG Mutterstadt bestritt er voll im Saft stehend. In der kommenden Woche wird weiter reduziert, damit Hadadi fit ist für Südkorea und die zwölfstündige Flugreise antreten kann. Der Iraner ist ein Weltenbummler, trainierte schon in Moskau bei einem 85-jährigen Russen, ist oft in Deutschland und in Amerika, spricht viele verschiedene Sprachen. Seine Landessprache, aber auch Russisch, Italienisch, Englisch und „ein paar schwäbische Schimpfwörter“, wie Jontschew lachend erzählte. Wenn Hadadi in den USA ist, dann trifft er seinen Landsmann Amin Nikfar, der am Samstag den Kugelstoßwettbewerb mit 19,28 Meter gewann und ebenfalls zu den Favoriten bei den Asienspielen zählt. „Er wohnt dann bei mir im Haus in San Francisco“, erzählte der 135-Kilo-Mann, der selbst Olympiateilnehmer in Peking war. Nikfar lebt in den USA und trainiert dort mit Diskuswerferin Summer Pierson (57,22 Meter in Mutterstadt) in einem Team. Gemeinsam sind die beiden in der vergangenen Woche nach Deutschland geflogen, um sich bei Khalid Alqawati auf weitere Aufgaben vorzubereiten. Er war es auch, der das Trio nach Mutterstadt brachte und somit der TSG wieder „Weltklasse auf dem Dorf“ präsentierte. „Wer bei uns war, ist gut vorbereitet für internationale Aufgaben“, sagte Zachrau mit einem Augenzwinkern und erinnerte an den amerikanischen Kugelstoßer Reese Hoffa, der nach seinem letztjährigen Auftritt in Mutterstadt bei der Leichtathletik-WM als Vierter knapp an einer Medaille vorbeischrammte.