Ludwigshafen Erinnerung im Zeitalter der Migration

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„Das Mannheimer Erbe der Weltkulturen“, das im Januar im Ratssaal der Stadt in einem zeremoniellen Akt präsentiert wurde, begleitet als Ausstellung auch das Festival „Supercopy“ bei Zeitraumexit. Das Phänomen des Kopierens und Sampelns wird damit zu einem Teil der Migration. Unter diesem Aspekt sind auch die Festivalbeiträge des Madrassa Collectives zu sehen.

Menschen aus 170 Nationen, nahezu der ganzen Welt, leben in Mannheim, von Einzelpersonen bis zu Gruppen, die Tausende zählen. Alle haben sie etwas Eigenes mitgebracht, das für sie von großer Bedeutung ist, oder in Mannheim Bezugspunkte gefunden. Ein Jahr lang hat das Team von Zeitraumexit in Zusammenarbeit mit Vereinen und Gemeinden nach solchen materiellen und immateriellen Kulturgütern gesucht unter der einzigen Voraussetzung, dass diese in Mannheim erlebbar sind. An den über 90, die zusammengebracht wurden, berührt in besonderem Maße, dass sie individuelle Gesichter haben. Die Fotos der Leihgeber, die oft in alten Nationaltrachten posieren, hängen in der Ausstellung von der Decke herab, die Objekte sind an den Wänden und auf Tischen präsentiert. Was die Migranten vor allem mitgebracht haben, sind Musik und Tanz, Essen und Trinken. An beide Komplexe sind in der Form von Traditionen und Zeremonien Werte der Identität und Kommunikation gebunden. Die Zuwanderer haben in Mannheim Treffpunkte geschaffen wie Religionsgemeinschaften, Kulturvereine oder Restaurants, aber hier auch Orte der Begegnung gefunden wie die Orientalische Musikakademie. Manchmal sind diese Werte persönlicher Art, wie der Geruch des aufwirbelnden Staubs beim Fußballspielen im Schnickenloch, der einen Togolesen an den Platz erinnert, auf dem er als Junge gekickt hat. Erstaunliche Transfers entstehen, wenn ein Schlesier in Mannheim polnische Wurst verkauft oder ein Russlanddeutscher wehmütig die usbekische Landschaft malt. Die Geschichte der Migration, die so alt ist wie die Menschheit, ist ein permanentes Kopieren und Weitergeben von Kulturtechniken. Das Mannheimer Erbe der Weltkulturen wirft einen neuen Blick auf das Phänomen Migration, der wohltuend frei ist von Vorurteilen und Sentimentalität. Einen „Bazar“ haben sieben forsche Mädels, die mehrheitlich in Marokko ansässig sind, und ein junger Mann aus dem Libanon konzipiert und organisiert. Ihr Netzwerk nennt sich Kollektiv Madrassa, was im maghrebinischen Arabisch „Schule“ heißt, denn sie haben auf der Kunsthochschule in Casablanca gemeinsam studiert und wollten im alternativen Kunstbereich arbeiten. Damit sind sie inzwischen auch in Europa recht erfolgreich. Ihre Künstler kommen aus dem vorderen Orient, Nord- und Schwarzafrika. Sieben haben sie für Mannheim ausgewählt; zwei von ihnen haben hier 14 Tage lang als Artists in Residence gearbeitet. Hadia Gana aus Libyen streift durch die Innenstadt, sammelt Eindrücke und notierte sie auf dem Kleid, das sie trägt. Sie kommt mit Mannheimern ins Gespräch und lädt sie ein, ihrerseits etwas aufzuzeichnen. Der Portugiese Marcio Carvalho arbeitet im Bereich kollektiver Erinnerung und befragt Teilnehmer am Projekt „Mannheimer Weltkulturerbe“. Die anderen fünf Künstler machen Musik und präsentieren ihre Performances in der Stadt und bei Zeitraumexit. Unter ihnen ist Christian Etongo aus Kamerun sicher die auffälligste Persönlichkeit. Er macht Rituale aus seiner Heimat zu einer Kunstform und ist damit auf zahlreichen Festivals in Afrika und Europa aufgetreten. Bei Zeitraumexit zeigt er ein spirituelles Ritual, berührt jeden einzelnen Zuschauer, umrundet zu dumpfem, erregendem Beat einen „Altar“, stampft mit den Füßen, wälzt sich wie in Trance am Boden, stößt markerschütternde Schreie aus. Das rührt mit Urgewalt an die untersten Schichten des Menschheitsgedächtnisses.

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