Ludwigshafen Eng, warm, laut und gemütlich

Zwischen Hacksteak und Salat: Die Gäste schätzen die gute Küche.
Zwischen Hacksteak und Salat: Die Gäste schätzen die gute Küche.

Tritt man durch das Raucherzelt im Biergarten, trifft es einen wie ein Schlag: Es ist laut, es wird geraucht, es ist eng im „Maffenbeier“. Ein krasser Gegensatz zu den immer luftiger werdenden Szenekneipen. Die zahlreichen und bunt gemischten Gäste scheint das nicht zu stören, im Gegenteil, viele zieht es genau wegen dieser Atmosphäre hierher. Aus der Vogelperspektive wirkt das über 130 Jahre alte Gebäude an der Ecke Rohrlachstraße/Goerdelerplatz wie ein Fremdkörper zwischen den Neubauten. Das „Maffe“ scheint wie in einer Zeitkapsel gefangen, so als wäre Ludwigshafen immer noch eine Kleinstadt und die BASF steckte noch in ihren Kinderschuhen. Damals kehrten zwischen Fabrikgelände und Stadtkern Jäger und Arbeiter in die Gaststätte „Zur Jägerlust“ ein, man trank Bier und aß Handkäs’ mit Musik. 1905 übernahm die Familie Maffenbeier das Wirtshaus. Fortan ging man nicht mehr in die „Jägerlust“, sondern zum „Maffenbeier“. An den alten Namen erinnert bis heute ein Schild, auch wenn jeder nur vom „Maffe“ spricht. Es ist einiges los an diesem Abend abends um sieben. Ich stehe ständig im Weg, die Laufwege für die Bedienungen sind eng. Durch einen schmalen Gang geht es in das Gebäude, hier nimmt gerade eine Gruppe Männer Platz. Jörg Lüken ist Sprecher des Studierendenwerkes Nordrhein-Westfalen und die von ihm begleitete Gruppe vom Fach: Es sind die Geschäftsführer und gastronomischen Leiter der insgesamt zwölf Mensen, die das Studierendenwerk NRW betreibt. Die etwa 30 Männer bestellen. Ich verspreche, mir später ihr abschließendes Urteil über das Essen anzuhören. Draußen trinken derweil Sabrina Galofano und Dennis Schmager ihre Weinschorlen. Die beiden arbeiten als Berater bei der BASF. Heute haben sie „Mick“ dabei. Wie viele junge Chinesen hat sich der BASF-Mitarbeiter aus Hongkong einen vermeintlich westliches Spitznamen zugelegt. Erst seit zwei Tagen ist er in Deutschland, vor allem genieße er die frische Luft hier, sagt er. Die drei sind beim „Maffe“, damit Mick die pfälzische Küche kennenlernt. Über eine halbe, ihm deutlich zusetzende, Weinschorle ist er noch nicht hinausgekommen. An der Bar steht Thomas „Fitschi“ Schulte-Hobein, der das „Maffe“ seit 26 Jahren betreibt. Früher, erzählt er, da sei er abends auf dem Nachhauseweg nur sehr langsam voran gekommen, überall habe es Kneipen gegeben. Heute sei das Maffenbeier eine der letzten, alteingesessenen Gaststätten in Hemshof. „Ich finde es super, dass wir so viel Tradition haben“, sagt er und zaubert eine Speisekarte aus den frühen 30er-Jahren hervor: Spaghetti, Handkäs, Bratwurst – auf den ersten Blick hat sich das Angebot kaum geändert, nur die Preise bewegen sich heute nicht mehr im Groschenbereich. Jörg Lüken und seine Nordrhein-Westfalen haben inzwischen aufgegessen. Es habe hervorragend geschmeckt, versichern die Experten. Lüken erzählt, die Essensausgabe in Mensen soll in Zukunft durch Elektrochips in den Tellern erleichtert werden. Die Idee klingt spannend, in den Räumen einer über 130 Jahre alten Gastwirtschaft wirkt sie absurd. Denn mich beschleicht der Eindruck, im „Maffe“ will man sich nicht kaputtoptimieren, hier soll man sich aneinander reiben, sich im Gebabbel zwischen den Tischen verlieren. Die Teller kommen auch ohne Chip zu den richtigen Gästen. Auch Kim, Lisa und Josy wissen die einmalige Atmosphäre zu schätzen: „Das ist meine Stammkneipe“, sagt Kim. Auf die im Sommer gerade noch abgewendete Übernahme des Lokals durch ein Mitglied der Erbengemeinschaft, der die Immobilie gehört, reagieren die jungen Frauen gereizt:„Wenn der sich durchgesetzt hätte, wäre hier niemand mehr gekommen“, sind sie sicher. Durch die Enge, die Wärme, die Lautstärke und das Klirren und Klappern des Geschirrs fühlt man sich in eine Zeit versetzt, in der Gaststätten die zentrale Rolle im täglichen Leben spielten. Man aß und trank dort, heckte Dinge aus, pflegte Beziehungen. Heute sind Gaststätten wie das „Maffe“ analoge Orte in einer digitalen Welt. Natürlich könnte man die Karte oder das Interieur auffrischen. Aber warum? Genau so soll es hier sein. Ist nämlich gut so.

130 Jahre alt: der „Maffe“.
130 Jahre alt: der »Maffe«.
Prost: Kim, Josy und Lisa.
Prost: Kim, Josy und Lisa.
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