Ludwigshafen Eltern-Wahnsinn im Klassenzimmer

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Unter den vielen Erfolgsstücken von Lutz Hübner ist „Frau Müller muss weg“ wohl das erfolgreichste. Das Eurostudio reist mit seiner Tourneeproduktion nun schon im dritten Jahr durch die Theater. Mit Realismus, zeitkritischem Bewusstsein und hintersinniger Ironie kam sie jetzt auch beim Publikum im Theater im Pfalzbau voll an. Regisseur Kay Neumann hat die kontrastreich gegeneinander abgesetzten Profile der Protagonisten mit Fingerspitzengefühl und ein paar gut platzierten Krachern herausgearbeitet.

In die angespannte Situation in der vierten Klasse einer Grundschule in Dresden packt Autor Lutz Hübner eine Fülle von individuellen Problemen, die geradezu zwanghaft zum Ausbruch kommen müssen. Die Empfehlung für die Sekundarstufe steht an. Alle Eltern wollen für ihr Kind das Gymnasium – angeblich für das Kind, hauptsächlich für das eigene Ego. Zwischen den Kindern gibt es Konflikte, zwischen den Eltern auch. Die sind von Ehekrisen, Liebschaften, beruflichen Frustrationen umgetrieben. Jeder schleppt seine private kleine Katastrophe mit sich herum. Zur Schuldigen wird die Klassenlehrerin gemacht, deshalb soll sie weg. Über das alles hat Hübner diskret den Dauerkonflikt „Ossi versus Wessi“ gelegt. Es sind, wie immer wenn eine Krise ausbricht, mehrere unterschiedliche Faktoren, die sie heraufbeschworen haben. Lutz Hübner diskutiert sie im Stil des psychologischen Realismus. Seine Stücke sind dramaturgisch vorzüglich gebaut und bei allem Problembewusstsein ironisch scharf gewürzt. So wundert es nicht, dass der Realist auf der aktuell postmodern geprägten Bühne der meistgespielte Autor ist. „Frau Müller muss weg“ war eine Auftragsarbeit für das Schauspiel Dresden. Fünf Elternvertreter haben die Klassenlehrerin Frau Müller zu einer Aussprache herzitiert. Sie warten in dem von Monika Frenz detailfreudig und liebevoll ausgestatteten Klassenzimmer und legen ihre Strategie fest. Wortführerin ist die smarte Jessica Höfel. Sie stammt ursprünglich aus Mannheimerin und ist jetzt in der Staatskanzlei tätig. In der Dresdner Grundschule ist sie Elternsprecherin. Gerit Kling im eleganten Hosenanzug kehrt routiniert und sprachlich gewandt Jessicas Führungsqualitäten hervor. Ihre Rolle hat das Mobbing gegen Frau Müller organisiert. Sie wird sprechen, die anderen sollen sich zurückhalten, auf keinen Fall persönlich werden und die eigenen Kinder aus dem Spiel lassen. Die Jeskows sind nicht auf eigenen Wunsch aus Köln zugezogen. Marina (Katrin Filzen) ist eine Heulsuse. Wenn sie zurück nach Köln gingen, hätte ihr Lukas keine Probleme mehr, ist sie überzeugt. Sie können aber nicht zurück, macht ihr Patrick klar, denn er wäre dann ohne Arbeitsstelle. Thomas Martin entwickelt sich vom verhuschten Ehemann zu einem, der auf die Pauke haut. Marinas wirklichkeitsfremden „Prinzipien“ setzt er die Notwenigkeit zur Anpassung entgegen. Katja Grabowski (Iris Boss) und Wolf Heider (Wolfgang Seidenberg) sind die Ossis. Katja ist alleinerziehend und hat einen Job; Wolf ist verheiratet und arbeitsloser Hausmann. Sie hatten einmal etwas miteinander, aber sie will nicht mehr in ihrer pragmatischer Ossi-Art. Er dagegen gefällt sich im Seitensprung. Katja hat keine Meinung, denn ihr Sohn Fritz ist Klassenbester. Die bekommt sie mit Heftigkeit, als es aber plötzlich gegen Fritz geht. Wolf kehrt den Proletarier heraus. Er hat eine Riesenwut, weil seine Tochter Janine sich von Jessicas Tochter Laura unterdrücken lässt. Beide Mädchen sind leistungsunwillig oder -schwach. Frau Müller soll schuld sein, wenn es mit dem Gymnasium nicht klappt. In Gestalt von Claudia Rieschel ist sie eine engagierte, pflichtbewusste, leicht hausbackene Lehrerin. Ein wenig bürokratisch pocht sie auf ihre Erfahrung und Verdienste, zeigt aber zugleich menschliche Wärme. Als die massiven Anschuldigungen über sie hereinprasseln, setzt sie sich standhaft zur Wehr, verliert dann aber die Nerven. Die gegen sie verschworenen Eltern finden heraus, dass sie ihren Kindern gute mündliche Noten gegeben hat. Die Stimmung schlägt um; Frau Müller soll nun unbedingt bleiben. Aber sie will die Klasse abgeben, weil sie pflichtvergessen ausgerastet ist. Die Eltern rasten für und gegen – das ist hier dasselbe – ihre nervenden Kinder aus. In Frau Müllers guten Noten sehen sie die Rettung. Doch haben sie das überhaupt verdient?

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