Ludwigshafen
Eltern und Erzieher demonstrieren für bessere Kinderbetreuung
Tanzende Eltern mit ihren Kindern und bunte Luftballons prägten das Bild auf dem Berliner Platz. Dabei waren nur die Kindermusik und die Ballons fröhlich. Das Anliegen an sich ist ernst. Rund 1700 Betreuungsplätze fehlen aktuell in Ludwigshafen, was auch daran liegt, dass in den Kindertagesstätten in der Stadt rund 80 Stellen für Erzieherinnen nicht besetzt sind. Eine Gemengelage, die junge Eltern umtreibt und sich auch auf anderen Ebenen auswirkt: „Eltern, in der Regel die Mütter, sind ohne Kita-Platz gezwungen, zu Hause zu bleiben“, erklärte Anna Asimov. In der Regel handelt es sich dabei um gut ausgebildete junge Frauen. Fachkräfte, die damit auch der Wirtschaft fehlen.
Nein, einen leichten Stand hatte Bildungsdezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) auf dem Berliner Platz nicht. Mütter, Großeltern, Erzieherinnen – sie alle berichteten von Defiziten in der Kinderbetreuung. Sie vermissen Betreuungsplätze, kritisieren die schlechte Erreichbarkeit der Verwaltung per Telefon-Hotline oder ein kompliziertes Anmeldeportal im Internet. „Wir Eltern wollen unsere Kinder nicht nur irgendwie betreut, sondern gut betreut haben“, erklärte Christiane Huber, eine der Initiatorinnen der Demonstration. Sie richtete eine klare Forderung an einen unklaren Adressaten: „Fangen Sie verdammt noch mal endlich damit an.“
Logistische Kunststücke
Dafür war auch Unterstützung von außerhalb gekommen. „Ich komme aus Waldsee, und ich habe für meine Tochter einen Kita-Platz“, berichtete Eva Breininger. Dafür fehle es in ihrem Heimatort an Krippenplätzen für die unter Zweijährigen. „Außerdem bin ich noch Erzieherin und damit praktisch doppelt betroffen“, denn auch für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Angestellten in den Tagesstätten und Krippen wollten sich die Demonstranten stark machen.
Auch Yvonne Albrecht aus dem Organisatorenteam, die als Mutter aus Oggersheim nach langem, hartem Kampf einen Betreuungsplatz in Mundenheim ergattert hat und nun jeden Tag ein kleines logistisches Kunststück vollbringen muss. „Die Situation der Kinderbetreuung ist in ganz Deutschland katastrophal, aber in Ludwigshafen ist es sogar schon fünf Minuten nach zwölf.“ Kinderbetreuung dürfe kein Luxus sein, rief sie unter dem Beifall der Anwesenden.
Zumal die Situation nicht neu sei, wie Liselotte Seiberth weiß: „Schon 1989 gab es eine große Demonstration am Rathaus-Center.“ Tausende Unterschriften seien damals gesammelt und der Landesregierung in Mainz weitergereicht worden. „Der Kita-Notstand hat eine jahrzehntelange Tradition in Ludwigshafen“, schimpfte sie. Mittlerweile habe sich die Kita-Krise von damals zu einer formvollendeten Kita-Katastrophe entwickelt.
Fünf Jahre ohne Einkommen
Zumindest am Fachkräftemangel im Bereich der Erzieherinnen trage die Stadt keine Schuld. Einer vierjährigen schulischen Ausbildung folge ein weiteres, ebenfalls nicht bezahltes, Anerkennungsjahr – de facto also fünf Jahre ohne Einkommen, bis die ausgelernte Fachkraft ihrer eigentlichen Berufung folgen kann. Auch deshalb unterstützte der Verbund protestantischer Kitas im Kirchenbezirk Ludwigshafen die Demonstranten: „Die Situation ist für Familien unbefriedigend“, weiß Gesamtleiter Frank Wolf. Als Gründe für die Situation zählte er „noch nicht umgesetzte Bauvorhaben, Personalmangel und die aktuelle Krankheitswelle“ auf.
Auch bei Dezernentin Reifenberg rannten die Demonstranten im Prinzip offene Türen ein: „Ich kann den Forderungen nur Recht geben.“ Sie verwahrte sich allerdings gegen den Eindruck eines rein Ludwigshafener Problems: „Bundesweit fehlen 100.000 Erzieher und 380.000 Plätze. „Was wir tun können, das machen wir auch“, bekräftigte sie. So würden allein bis 2025 rund 70 Millionen Euro in den Kita-Ausbau investiert. „Kosten, die zu 85 Prozent von der Kommune zu tragen sind“, deutete sie eine Mitverantwortung von Land und Bund an. „Wir brauchen auch ein Milliarden-Hilfspaket für diesen Bereich.“
Zehn-Punkte-Plan gefordert
Die Organisatorinnen zeigten sich mit ihrer ersten Veranstaltung zufrieden. „Viele Eltern sind jetzt im Dialog.“ Aber es dürfe nicht bei einer einzigen Kundgebung bleiben. „Unser Ziel ist erst erreicht, wenn es genügend Betreuungsplätze gibt“, so Anna Asimov. Eine Grundlage dafür könne ein Konzeptpapier sein, dass die jungen Mütter von der Politik einfordern. „Machen Sie sich Gedanken. Entwickeln sie einen Zehn-Punkte-Plan“, so die Forderung.