Ludwigshafen / Mannheim
„Eine Vollkatastrophe“: Fahrgäste kämpfen sich durch Straßenbahn-Dschungel
„Das ist eine Vollkatastrophe. Wissen Sie, wo die Ersatzhaltestelle für die 4 ist?“ „Sie können mit dem Bus bis zum Hauptbahnhof und dann mit der Straßenbahn weiter nach Mannheim fahren.“ Das ist eines dieser typischen Gespräche an diesem Montagmorgen am Hans-Warsch-Platz in Oggersheim. Wer mit der Linie 4 fährt, ist Kummer gewohnt. Der Schlenker über das Südweststadion entfällt zwar mittlerweile ebenso wie der Umweg über die Kurt-Schumacher-Brücke nach Mannheim. Doch nun gibt es andere Hindernisse.
Weil in der Frankenthaler Straße Gleise und Kanal erneuert werden und die Haltestelle „Mannheimer Tor“ barrierefrei ausgebaut wird, fahren Ersatzbusse bis zum Ludwigshafener Hauptbahnhof. Von dort geht es wie gewohnt weiter mit der Straßenbahn – und dann für diejenigen, die nach Mannheim müssen, nach über zweijähriger sanierungsbedingter Sperrung der Gleise wieder über die Konrad-Adenauer-Brücke. Sie ist seit Montag wieder frei für die Schienenfahrzeuge. Dafür ist nun die Schumacher-Brücke dicht. Das hat viele Änderungen der Streckenführungen zur Folge.
Wer blickt da durch am ersten Tag nach dem großen Fahrplanwechsel? Eva Walczak ist offenbar eine der wenigen an diesem Morgen in Oggersheim, die nicht die Orientierung verloren zu haben scheinen. „Ich fahre seit acht Jahren von Oggersheim zur Arbeit nach Mannheim. Und in dieser Zeit war fast immer irgendetwas auf dieser Strecke. Umleitungen sind an der Tagesordnung. Das auf die Reihe zu bringen, ist gerade für ältere Leute, die kein Internet haben, sehr schwer“, sagt sie. Dann zeigt die 52-Jährige auf einen Bus und verabschiedet sich: „Da muss ich rein.“
„Fährt der in die Stadt?“
Während sie in den Bus springt, kommt von hinten eine ältere Frau angerannt. „Fährt der in die Stadt?“, fragt sie und schnappt nach Atem. Als ihr andere Leute, die an der Haltestelle warten, zurufen, dass sie den Bus nehmen könne, steigt sie schnell ein. So funktioniert das oft an diesem Morgen. Leute, die verloren wirken, treffen andere, die gerne helfen. Ein weiteres Beispiel: Im Bus fragt ein Mann den Fahrer, wie man denn nach Mannheim komme. Sein Deutsch ist nicht so gut. Kein Problem für den Busfahrer: „Do you speak english?“ Ja, der Mann kann Englisch, bedankt sich freundlich und nimmt Platz: „Thank you very much. Have a nice day.“
Am Berliner Platz sind kurz vor 11 Uhr Mitarbeiter der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) unterwegs. Sie stehen für Fragen der Kunden bereit und verteilen Flyer, die über die geänderten Streckenführungen informieren. Dort wartet auch Renate Tavernier. „Von Oggersheim hierher habe ich 25 Minuten gebraucht. Ich habe zwar Zeit, aber das ist schon heftig“, sagt die 78-Jährige. Die Rentnerin fährt nur mit dem Auto, wenn sie unbedingt muss, erzählt sie. Die Straßenbahn ist ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel – und das schon seit vielen Jahren.
Sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie sagt: „Die neuen Bahnen sind im Vergleich zu den alten sehr eng. Wenn sich dann schwer beladene Leute umdrehen, hat man schnell mal einen Rucksack am Kopf. Überhaupt ist es im Vergleich zu früher um die Höflichkeit nicht gut bestellt“, sagt sie. Sie wolle sich nun einen Plan machen, wie sie am besten von Oggersheim in die Stadt kommt. „Ich könnte vom Oggersheimer Bahnhof mit der S-Bahn fahren. Und mit einem Bus von der Haltestelle am Rathaus-Center zurück.“
Von Mannheim in die Rhein-Galerie
Kalt erwischt worden ist am heutigen Morgen ein 59-Jähriger aus Landau. „Ich arbeite in Ludwigshafen und habe Termine einzuhalten. Jetzt muss ich mich aber erst einmal orientieren“, sagt er und studiert den großen Aushang mit den Linienplänen. Wladislawa Grabowski ist aus Mannheim über den Rhein gekommen. Warum eigentlich? „Ich mag es, dass hier die Stadt nicht so voll ist. Ich gehe nachher noch in die Rhein-Galerie.“ Und wie kommt die 65-jährige Polin zurecht am Tag des Fahrplanwechsels? „Ich bin verwirrt“, sagt sie und lächelt.
Aus der RNV-Zentrale heißt es am Abend: „In Ludwigshafen lief die Liniennetzumstellung heute relativ ruhig. Rückmeldungen gab es bisher nur wenige.“ Zwei Infoteams an den Haltestellen Berliner Platz und LU-Hauptbahnhof seien im Einsatz gewesen. Und weiter: „Naturgemäß wird es bei einer Änderung dieser Größenordnung ein paar Tage dauern, bis sich alle Fahrgäste umgestellt haben. Gleichzeitig machen wir aktuell auch Qualitätssicherung und prüfen, ob wir bei der Fahrgastinformation an der ein oder anderen Stelle noch etwas nachlegen können.“