Poledance
Eine Sportart kämpft gegen ihr Image
Die Gesetze der Schwerkraft schienen am vergangenen Wochenende in Mannheim nicht zu gelten. Zumindest nicht überall. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim ersten Poledance-Wettbewerb setzten diese Regeln scheinbar außer Kraft. Aerial Amity Art verband Turnen, Akrobatik ein kleines bisschen Tanz und jeder Menge Ästhetik und riss die Zuschauer daher immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin.
Ja, beim Tanz an den beiden Wettbewerbsstangen, eine davon fest, die andere rotierend, war auch jede Menge nackte Haut zu sehen. „Ohne die wäre der Sport aber auch kaum durchführbar“, erklärte Veranstalterin Miriam Saroos Durch den Hautkontakt werde schließlich das Abrutschen an der Stange verhindert, die waghalsigen, scheinbar schwerelosen Figuren überhaupt erst ermöglicht. „Zu aufreizende Kostüme“ oder gar Nacktheit wurde jedoch mit der sofortigen Disqualifikation bestraft, so war es im Regelwerk festgehalten. Das unterschied sich ein kleines bisschen von herkömmlichen Poledance-Veranstaltungen, die vom ODPS (Organisation des deutschen Pole-Sports) organisiert werden. „Dort zählt vor allem der sportliche Aspekt. Bei uns spielt auch die Show eine große Rolle“, unterschied Saroos.
„Das ist wie fliegen“, kommentierte eine Teilnehmerin freudestrahlend nach ihren rund dreieinhalb Minuten an den beiden Wettbewerbsstangen. Ein wenig atemlos war sie außerdem, denn wie meistens kostet es ganz schön viel Kraft und Ausdauer, so leicht und schwerelos auszusehen. Ein Training für den ganzen Körper also. Genau so war die Sportart schließlich Anfang des Jahrtausends aus den USA und Japan in die Fitnessstudios geschwappt. „Aber in Deutschland hinken wir dem Ganzen noch immer sehr hinterher. Sogar die Schweiz ist in Sachen Pole-Sport schon deutlich weiter als wir“, sagte Saroos.
Wurzeln im 12. Jahrhundert
Das liegt vielleicht an der vermeintlichen Herkunft der Sportart, die als erotischer Tanzstil von vielen automatisch im Rotlichtmillieu angesiedelt wird. „Es gibt noch immer jede Menge Vorbehalte. Ich muss mich praktisch täglich für die Sportart rechtfertigen“, erklärte die Veranstalterin, die vor zehn Jahren die ersten Pole-Studios in die Region gebracht hat. Dabei liegen die Ursprünge weiter zurück. Viel weiter. So wird die indische Akrobatik Mallakhamb erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt. In Indien wie auch später in China turnten dabei ausschließlich Männer an der vertikalen Bambusstange.
Männer sind mittlerweile eine Randgruppe. Das gilt für die sportliche Pole-Variante genauso, wie für das ästhetischere Aerial Amity Art („Luft, Freundschaft, Kunst“). Ganze drei Herren waren unter den 65 Startern. Immerhin: Es gab sie. „Ich würde sagen, zum Großteil wird diese Sportart von selbstbewussten, jungen Frauen betrieben, die sich weiblich fühlen. Es macht Spaß und es stärkt das Selbstwertgefühl“, beschrieb Miriam Saroos ihren Sport, betonte aber zugleich: „Wir sind eine Sportart, die für alle offen ist. Wir stehen für Diversity.“ Und trotzdem schien es auch bei den Teilnehmenden selbst noch Vorbehalte zu geben, tanzen nicht alle unter eigenem Namen, gingen mit Künstlerpseudonymen an die Stange.
Für viele der erste Auftritt
Trotzdem hatten letztlich alle ihren Spaß. Die Teilnehmenden in den Leistungsklassen Amateur oder Advance („Fortgeschrittene“) als Single, Double oder ganze Gruppe auftraten. Und natürlich das weitestgehend fachkundige Publikum, das die Darbietungen genoss und immer wieder besondere Figuren der Konkurrenz bejubelte. Immerhin war es für viele auch der erste Auftritt vor einem Publikum, das nicht nur aus den Mitturnerinnen im eigenen Studio bestand.
Auch darum ging es bei der ersten Meisterschaft in Baden-Württemberg. „Wir wollen eine Auftrittsmöglichkeit schaffen.“ Und der Rücklauf zeigte der Veranstalterin, dass sie einen Nerv getroffen hatte. „Wir waren bei den Startplätzen ausverkauft, auch wenn einige auf Grund von Krankheit ihre Meldung zurückziehen mussten.“ Außerdem freute sie sich über rund 250 Besucher im Kulturhaus Käfertal, wo für einen Tag die Gesetze der Schwerkraft scheinbar außer Kraft waren.