Ludwigshafen Eine selbstbewusste Frau
Rahel Varnhagen und ihr Berliner Salon gehörten einst zum Grundwissen des Bildungsbürgertums. In jüngerer Zeit wurde Rahel zu einer Galionsfigur der Emanzipation. Wer kennt sie heute noch? Um sich ihres immensen Nachlasses anzunehmen, gründete sich 1997 die Varnhagen Gesellschaft. Sie hielt jetzt im Schillerhaus in Oggersheim ihre Mitgliederversammlung ab und hat dazu eine Ausstellung mitgebracht.
Aus der Varnhagen-Sammlung werden ausgewählte Briefe, Tagebücher, Memoiren, unterschiedliche, auch literarische Manuskripte, Bücher, Grafiken gezeigt. Allein 100.000 Briefe enthält die Sammlung, die an rund 9000 Adressaten gerichtet sind. Alle Autografen lagern heute in Krakau, Bücher und Kunstwerke in Berlin. Dieser kulturhistorische Schatz ist noch weitgehend ungehoben. Die Varnhagen Gesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die wissenschaftliche Aufarbeitung zu fördern. Sie ist, laut erstem Vorsitzenden Nikolaus Gatter aus Köln, ein „Wanderzirkus“, dessen 135 Mitglieder international „breit gestreut“ sind. Zweite Vorsitzende ist Inge Brose-Müller aus Mannheim. Sie hat Karl August Varnhagens „Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ neu herausgegeben; zwei weitere Bücher hat sie in Vorbereitung. Das Varnhagen-Archiv ist eine einmalige Quelle zur deutsch-jüdischen Kultur-, Zeit- und Gesellschaftsgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es verdankt sich dem Sammeleifer von Karl August Varnhagen von Ense. Rahel war schon über 40, als sie den 14 Jahre Jüngeren ehelichte. Sie war von den selbstbewussten Frauen der Romantik die wohl selbstbewussteste und für ihre literarischen Talente bewundert. Eine gebürtige Levin, hatte sie sich, wie viele Juden in jener Zeit, nacheinander mehrere deutsche Familiennamen zugelegt, am längsten den Namen Robert, unter dem sich auch ihr jüngerer Bruder literarisch betätigte. Schön war sie wohl eher nicht, aber hochgebildet, künstlerisch sensibel und sprachgewandt. Karl August hing an den Lippen seiner Frau und hielt in seinem Notizbuch alles fest, was sie Kluges sagte. Nach Rahels Tod 1833 weihte er sein Leben ihrem Andenken. Die Sammlung vermachte er seiner Nichte Ludmilla. Die nahm sie mit ins italienische Exil, als sie als Anhängerin der 1848er Revolte verfolgt wurde, vermachte sie dann aber doch dem preußischen Staat. Varnhagen hatte Verbindungen nach Karlsruhe und Mannheim. Seine Großmutter Antonia war Kammerfrau bei der Kurfürstin Elisabeth Augusta gewesen. Seine Schwester Rosa Maria, die Mutter von Ludmilla, war bildkünstlerisch begabt. Ihre Scherenschnitte wurden zu Recht bewundert; in Faksimile bilden sie den optischen Höhepunkt in der Oggersheimer Ausstellung. Im Salon der Varnhagens verkehrten viele Geistesgrößen und Künstler der Zeit. Es wurde auf hohem Niveau debattiert, Lyrik und Prosa vorgetragen, hauptsächlich von Schiller und Goethe, die angehimmelt wurden. Rund ums Piano wurde gesungen und musiziert. Die Beiträge kamen von Dichtern, Denkern, Schauspielern, Sängern, Musikern. Aber auch von Dilettanten. Und nicht selten bewegten sich die Gespräche auf Klatschniveau. Dazu wurden Tee, Kaffee und Wein zu „Butterbrot“ und Kuchen serviert. Manchmal wurde ein kleinerer Kreis zum Gourmetmenü geladen, was die Gastgeber eine Stange Geld kostete. All das ist in den Autografen zu lesen. Dabei ist auch viel Ironisch-Kritisches zu finden: „Langweil und Ekel und Kuchen und Torte. Man öffnet den Deckel des Piano forte. Nun trillern und stümpern die Virtuosen ...“ So schrieb es Rahels Bruder Ludwig Robert. Das Buch liegt aufgeschlagen in einer Vitrine. Öffnungszeiten Schillerhaus in Oggersheim, Schillerstraße 6, bis 28. August, Mi 10-12 und 13-18 Uhr, Fr 13-17 Uhr, am 28. August 10.30-14 Uhr.