Mannheim
Ein Titel, mehrere Versionen: Wann ist eine Musicalproduktion ein Original?
Die Formulierung in der Ankündigung für die Veranstaltung im Rosengarten ist dabei auch durchaus korrekt. Es handelt sich um die Originalproduktion einer Dramatisierung von Gaston Leroux’ Roman „Le Fantôme de l’Opéra“. Was wahrscheinlich jedoch nicht jedem Leser oder Zuschauer bekannt sein dürfte, ist, dass es mehrere Bühnenadaptionen dieses Romans gibt, von denen die bekannteste jene von Musicaltitan Andrew Lloyd Webber (mit dem berühmten Titelsong) ist, die 2004 mit Gerard Butler verfilmt wurde. Diese Version ist allerdings nicht die Fassung, die im Januar im Rosengarten zu sehen sein wird.
Das Phänomen, dass sich in Deutschland Musicalproduktionen finden, die mit bekannten Titeln wie „Les Misérables“ oder eben „Phantom der Oper“ werben, ohne die bei den meisten Theatergängern bekannten Broadway-Blockbuster zu sein, ist nichts Neues. Bereits 2017 berichtete das Hamburger Abendblatt von großer Empörung bei der Premiere einer nicht mit der Londoner Produktion identischen „Les Misérables“-Musicalfassung, vor der – laut Hamburger Abendblatt – sogar Verbraucherschützer warnten. Dass es überhaupt möglich ist, Musicals mit gleichem Titel und/oder Inhalt zu produzieren, liegt daran, dass die literarischen Vorlagen bisweilen zur „Public Domain“ gehören und entsprechend weder Titel noch Handlung urheberrechtlich geschützt sind.
Fülle von Adaptionen
So erklärt sich auch die Fülle von Adaptionen, die Leroux’ „Phantom“-Roman erlebt hat. Vor Andrew Lloyd Webbers Version gab es – neben dem berühmten Universal-Stummfilm aus dem Jahr 1925 – bereits zwei Musicalversionen, darunter eine von Ken Hill (1984), in der Opernnummern von Verdi, Offenbach, Mozart und anderen bekannten Klassikkomponisten statt einer Originalmusik zum Einsatz kommen. Obgleich Andrew Lloyd Webber in seiner Autobiografie erklärt, die Idee zu seinem „Phantom“-Musical kam ihm, als er eines Tages für 50 Cent eine alte Ausgabe des Leroux-Romans in New York erwarb und durch die Lektüre sofort zu seiner spektakulären Bühnenshow inspiriert wurde, kannte er nachweislich Hills Version.
Jahre zuvor war seiner zweiten Ehefrau, der englischen Sopranistin Sarah Brightman, nämlich angeboten worden, in Ken Hills Produktion mitzuwirken. Diese lehnte zwar ab, dennoch besuchten sie, Lloyd Webber sowie Musicalproduzent Cameron Mackintosh eine Vorstellung der Hill-Show in Stratford East und waren direkt von dem viktorianischen Trash-Grusel angetan. Lloyd Webber und Mackintosh überlegten sogar, sich an der Produktion zu beteiligen – und tatsächlich entstand Lloyd Webbers berühmter Titelsong ursprünglich für die Hill-Version. Aus der Zusammenarbeit wurde jedoch nichts und Lloyd Webber griff den Stoff 1986 – ohne eine Beteiligung Hills – für sein eigenes, von Mackintosh produziertes „Phantom der Oper“ auf.
Lloyd Webbers Erfolg weckt Nachahmer
Lloyd Webbers Fassung wurde in der Folge zu einem der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten und übertrifft die anderen Adaptionen, die gerade auf Tourproduktionen durchaus noch regelmäßig zu sehen sind, in puncto Bekanntheit um ein Vielfaches. Natürlich regte der große Erfolg andere Autoren dazu an, den Stoff ebenfalls zu verarbeiten (mindestens sechs Musicals entstanden seit der Premiere von Lloyd Webbers Fassung), darunter die im Rosengarten gezeigte von Deborah Sasson und Jochen Sautter aus dem Jahr 2006 (Überarbeitung 2010).
Auf Anfrage der RHEINPFALZ, was diese Fassung auszeichnet und wie sich diese von Lloyd Webbers Adaption unterscheidet, hat der Veranstalter leider keine Auskunft gegeben. Laut Website halte sich die Sasson/Sautter-Fassung enger an die Originalgeschichte von Gaston Leroux als andere Musicalversionen, wobei die Musik für die aktuelle Tour noch einmal umfassend überarbeitet worden sei.
Auch auf die Frage, wie man mit der Verwechslungsgefahr zu Andrew Lloyd Webbers gleichnamigem Musical umgehe und ob es in der Vergangenheit deswegen Beschwerden oder Probleme gegeben habe, äußerte sich der Veranstalter nicht. Sucht man im Internet nach Zuschauerkommentaren zur Produktion, scheint es diese wohl durchaus gegeben zu haben. Wie es sich im Januar im Rosengarten verhält, bleibt abzuwarten. Der faszinierende Roman von Gaston Leroux bietet auf jeden Fall genügend Möglichkeiten für die unterschiedlichsten Musicaladaptionen – und wenn man sich bewusst ist, nicht in die Lloyd-Webber-Fassung zu gehen, die aktuell nur in Wien und London (stets mit der Betitelung „Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“) zu sehen ist, hat man im Januar in Mannheim die Möglichkeit, eine bekannte Geschichte mit einem neuen musikalisch-dramatischen Ansatz zu erleben.
Termin
„Das Phantom der Oper“ – die Originalproduktion von Sasson/Sautter findet statt am Sonntag, 12. Januar, 18 Uhr, im Rosengarten Mannheim.