Schau her!
Ein Schaufenster als Spiegelbild der Stadt
Ein Laden in der Ludwigshafener Fußgängerzone, Ecke Amtsstraße, ortstypisch runtergerockt. Die Schaufenster durch die näheren Umstände gestaltet. Es gibt einige in dem Areal, die ähnlich aussehen. Keine, die so viel über Ludwigshafen erzählen. Das heißt, nicht nur über die Verheerung der von Investoren bestimmten Stadtentwicklung und das Klischee von der „hässlichen“ Pfalzmetropole, als die die Stadt am Rhein etwa in einem einschlägigen, in Museumsshops vertriebenen Quartett ausgespielt wird – wie auch Mannheim und Pirmasens übrigens. Aber erst einmal zu den Laden-Schaufenstern an sich, die die Innenraum-Fotos von prall gefüllten Regalen, die an den Vorsprüngen hängen, mit einer gewissen Tristesse konterkarieren.
Mahnmale auf dem Fenstersims
Der Sichtschutz am Haupteingang hat Risse, im einsehbaren Teil des Ladens stehen noch Desinfektionsmittelflaschen als ferne Erinnerung an die Corona-Zeit auf dem Fenstersims. Die Schaufenster sind mit einem Ordnungssinn mit Werbepostern dekoriert worden, der sich aus der Lamäng ergeben hat.
Ein Aufruf zur 90er-Jahre-Party, Julia Engelmann, Schauspielerin mit dichterischen Ambitionen, tritt in Mannheim auf, eine „White Night“ steht an. Rechts angepinnt, angesichts seines Komplettversagens ein prangendes Foto von Ex-Verkehrsminister Scheuer. Ganz links verspricht die Gründerberatung kontrastreich zum im Hintergrund ausgestellten Scheitern „sicheren Erfolg“.
Obwohl, genauer betrachtet, lässt sich nicht wissen, ob der Ex-Pächter, dessen Name aus dem Arabischen stammt und „mächtig“, „lieb“ und leider auch „teuer“ heißt, vielleicht auch nur umgezogen ist, Besseres vor oder im Lotto gewonnen hat. Nicht immer ist Misserfolg der Urgrund einer Geschäftsaufgabe. „Willkommen“, trotzdem wirkt die Aufschrift in weißen Versalien angesichts der tendenziellen Trostlosigkeit der Gesamtsituation nach leisem Hohn. Und andererseits kann sie auch als hochsymbolisch gelten. In dem Sinn, dass die Schaufenster des ausgezogenen Lebensmittelladens eine unterschätzte Qualität der von Ernst Bloch einst als zukunftsweisend empfundenen Stadt demonstrieren. Um sie zu erfassen, tritt man am besten einen Schritt zurück. Oder reist sogar in Gedanken zur Architektur-Biennale, die 2016 in Venedig stattfand.
Ludwigshafen, Offenbach am Rhein, Venedig
Was sieht man dann in Ludwigshafen? Dass es ein mutmaßlich zugewanderter Mensch ins Innerste der Stadt geschafft hat – mit einem, nennen wir es so: kulturell-typischen Sortiment. Sagen wir: geschäftliche 1B-Lage. Die 1 A – direkt am Rhein gelegen – ist derweil an einen Mallbetreiber verscherbelt worden und wird als Feuerwehrzufahrt gebraucht. Zwischen beidem, dem (wahrscheinlich) Syrer in der Fußgängerzone und der Verlagerung des Geschäftsbetriebs, besteht natürlich ein innerer Zusammenhang. Gleichzeitig ist, dass dieser Lebensmittelladen existiert hat, nur konsequent. Denn Ludwigshafen ist sogenannte „Ankunftsstadt“. Als solche wurde sie jedenfalls in Venedig 2016 im deutschen Pavillon überraschend gefeiert, zusammen mit Offenbach am Rhein – und unter anderem Duisburg.
„Making Heimat“ hieß der Titel der Schau in den Giardini mit Blick auf den Lido. Fotos von Ludwigshafen hingen an der Wand. Als Vordenker der Präsentation kann der Kanadier Doug Saunders gelten. Ein Journalist und Autor, Träger des Erich-Schelling-Architekturpreises, der viel herumgereist ist – in die Banlieues um Paris, die Favelas von Rio de Janeiro, nach Lagos, Bombay oder Kairo – bevor er sein wuchtig wirksames Opus magnum „Arrival City“ schrieb. Der Untertitel lautet: „Über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom Land in die Städte. Von ihnen hängt unsere Zukunft ab“. Die Schaufenster unseres Ladens in Ludwigshafen-City könnten das Buch ohne weiteres illustrieren.
Saunders schreibt darin, die Orte, die Migranten eine gewachsene Willkommensinfrastruktur zur Verfügung stellten, hätten enormes Potenzial. Wer hier ankomme, fühle sich aufgenommen, etabliere sich, einige blieben, viele zögen weiter in „bessere“ oder andere Viertel, um sie mit neuer Energie aufzuladen. Kann doch sein, dass es sich bei dem Lebensmittelmann und seinem Laden in LU um diesen beispielhaften Idealfall handelt. Das Geschäft jedenfalls liegt unweit des Hemshofs. Dem Stadtteil also, der alle Kriterien des Urban-Soziologen Saunders mehr als erfüllt: als Ausgangspunkt und Epizentrum der Stadt gleichermaßen.
Der Spiegel des chicen Mehrfamilienhauses
Anfangs eine dünn besiedelte Wiese, später Ankunftsort von Arbeitsmigranten aus Italien, der Türkei, Kroatien, etc. Inzwischen werden auf dem Fußballfeld dort „Afrika-Meisterschaften“ ausgetragen. Gleichzeitig sind viele im Saunders-Sinn innerhalb der Stadt weitergezogen und haben sich jeweils eingeschrieben. Die Innenstadt, bestimmt auch deshalb jetzt ein Mix aus Brautmodenläden, Handy-Shops, vietnamesischen Imbissläden, Shisha-Bars und Schuh Keller, der für das verbliebende, beharrungswillig Alteingesessene steht.
Am Berliner Platz kratert mahnmalend das Loch, das ein Investor und die Stadtpolitik hinterlassen haben. Derweil ist unweit, gegenüber unserem Ex-Lebensmittelladen, ein in der Lage ambitioniertes Mehrfamilienhaus hochgezogen worden. Ein wieder neuer Anfang, der sich im Schaufenster spiegelt.
Die Serie
Schaufenster sind Ausstellungen en miniature. Kunstvoll gestaltet verführen sie Passanten zum Nähertreten und Innehalten. In der Serie „Schau her!“ spähen wir in Schaufenster, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Nicht jeder nutzt die Chance, hier eine Show abzuziehen. Mal liebevoll gestaltet, mal kurios oder gar vernachlässigt, verraten sie doch immer etwas übers Leben drum herum, ums Sehen und Gesehen werden.