Ludwigshafen Ein Knall und viele Theorien

Ein lauter Knall hat die Redaktion am vergangenen Freitag beschäftigt und ziemlich auf Trab gehalten. Ich war mit den Kollegen Steffen Gierescher und Axel Nickel in der Mittagspause, und die beiden gönnten sich noch einen Kaffee nach dem Mittagessen. Plötzlich klingelte das Handy von Axel. Am anderen Ende der Leitung war seine Frau, ebenfalls Journalistin. Sie berichtete von einem oder zwei lauten Knallgeräuschen sowie wackelnden Häuserwänden in Bad Dürkheim und wollte wissen, ob bei uns in Ludwigshafen etwas in die Luft geflogen sei. Wir hatten nichts gehört, zahlten aber schnell und eilten in die Redaktion. Die Nachfrage bei der Ludwigshafener Berufsfeuerwehr verlief ergebnislos. „Wir haben den Knall gehört, aber uns ist nichts über eine Explosion bekannt“, hieß es aus der Leitstelle. Auch in den Polizeipräsidien Ludwigshafen und Mannheim wusste man nichts über eine Katastrophe in der Rhein-Neckar-Region. Unterdessen wurden in den sogenannten sozialen Netzwerken von irgendwelchen Menschen wilde Gerüchte gestreut. „In der BASF ist etwas explodiert“, hieß es dort. Der Chemiekonzern dementierte sofort die Falschmeldungen. Das hinderte die Netzgemeinde nicht daran, gleich weiter über eine Detonation im Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim zu fabulieren. Auch das Einkaufszentrum und die Viernheimer Polizei wiesen entsprechende frei erfundene Beiträge bei Facebook & Co. zurück. Unterdessen überlegten wir, was wirklich als Ursache für den Knall in Frage kommen könnte. Unsere Kollegen des Südwest-Ressorts im überregionalen Teil haben schließlich bei der Deutschen Luftsicherung die Lösung herausgefunden: Es waren Militärmaschinen, die beim Überschallflug die Knallgeräusche verursacht hatten. Die sauber recherchierten Fakten veröffentlichten wir schließlich. Einige Stunden später wurden eine Gasflasche und eine Kaffeemaschine in einer Grünanlage beim Rathaus-Center entdeckt. Ein großer Polizeieinsatz lief an. Entschärfer aus Mainz fuhren nach Ludwigshafen, um die verdächtigen Gegenstände zu untersuchen. Erst um 20.45 Uhr stand fest, dass es sich um illegal entsorgten Müll handelte und nicht etwa um eine Bombe. In den sozialen Netzwerken wurde unterdessen wieder über Katastrophenszenarien fantasiert. Der Kollege Gierescher war bis 23.30 Uhr im Einsatz, setzte eine Meldung über den Vorfall auf unserer Internetseite ab, baute die lokale Titelseite um und schrieb einen Bericht für die Printausgabe, der am Samstag erschien. Unsere Fotografin Gaby Kunz war ebenfalls im strömenden Regen vor Ort, um dafür ein Foto zu liefern. Unsere Leser bekamen so alle fundiert recherchierten Fakten zu dem Vorfall präsentiert. Für uns Journalisten ist augenscheinlich, dass Behauptungen in sozialen Netzwerke oft äußerst fragwürdig sind. Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, hat das mit einer treffenden Bemerkung auf den Punkt gebracht: „Das ist wie Dorftratsch.“ Es liegt an jedem selbst, ob er sich anhand von Mutmaßungen und Gerüchten informieren will oder die Recherche von Nachrichten Profis überlässt. Wir hoffen, dass unserer Leser uns dafür weiter das Vertrauen schenken. Und alle denen, die verantwortungslos Horror-Meldungen ohne jeden Wahrheitsgehalt in den sozialen Netzwerken verbreiten, sei ein deftiger Spruch des Kabarettisten Dieter Nuhr mit auf den Weg gegeben: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.“ Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.