Ludwigshafen Ein Kleinod der pfälzischen Orgelbaukunst

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Alle Kirchenorgeln haben die Aufgabe, die Liturgie zu unterstützen, also Gottesdienste musikalisch zu untermalen. Aber jede Orgel sieht anders aus. Es gibt alte und neue, kleine Instrumente in Dorfkirchen und große in Kathedralen und in Kirchen der Städte. Manche Orgeln sind für Barockmusik geeignet, andere für die Werke der Romantik. Und technisch ist jede Orgel ein Unikat. In der Serie „Die größten Pfeifen“ stellen wir einige Orgeln in Ludwigshafen, Mannheim und in der Region vor. Die Orgel in Mutterstadt stammt aus der Werkstatt einer der größten Orgelbauer-Dynastien Deutschlands.

Stefan Franz ist ein freundlicher Zeitgenosse. Der 49-jährige dunkelhaarige Mann in der knallroten Jacke macht bei der ersten Begegnung einen sehr bescheidenen Eindruck. So wirkt er auch später an dem Spieltisch der Stumm-Orgel mit ihren zwei Manualen in der protestantischen Kirche Mutterstadt: mit Ehrfurcht vor dem 230 Jahre alten Instrument, das in frischem Glanz strahlt. Vielleicht ist es auch die große Vertrautheit, die Stefan Franz mit der Orgel verbindet. Denn er spielt sie seit 35 Jahren, lange bevor das Instrument so ausgesehen hat wie heute und damit ziemlich so wie bei seiner Entstehung im ausgehenden 18. Jahrhundert. Denn die Änderungen, die im Lauf der Jahre vorgenommen wurden, sind weitgehend verschwunden. Die Stumm-Orgel klingt seit ihrer letzten Instandsetzung vor neun Jahren wunderschön. Der Organist gibt eine Kostprobe mit Mendelssohn-Bartholdy. Die Töne berühren Herz und Gemüt. Die Orgel in der Kirche des Großdorfes mit derzeit knapp 4500 evangelischen Christen wurde 1785 in der Werkstatt von Johann Michael Stumm aus Rhaunen-Sulzbach im Hunsrück (heute im rheinland-pfälzischen Landkreis Birkenfeld) gefertigt und 1786 eingebaut. Sie gilt als Kleinod der pfälzischen Orgelbaukunst. Die Stumms zählten zu den berühmtesten Orgelbauer-Dynastien Deutschlands. Sie haben, vermutet Franz, um die 370 Instrumente gebaut. Der Fachliteratur ist zu entnehmen, dass davon etwa 140 noch heute erhalten sind. Selbst Mozart wird mit einer Stumm-Orgel in Verbindung gebracht. Der Komponist war, wie es heißt, 1777 an der Abnahme der Stumm-Orgel in der (ersten) Mannheimer Trinitatis-Kirche beteiligt. Die Mutterstadter Stumm-Orgel sollte neun Jahre nach der Mannheimer fertig werden. Doch schon sieben Jahre nach ihrer Entstehung wurde sie während der Französischen Revolution „geplündert“, wie in der Broschüre „Die protestantische Kirche in Mutterstadt“ aus dem Jahr 1984 zu lesen ist. 1803 bis 1805 wurde das Instrument wiederhergestellt, sechzig Jahre später erneut umgebaut. 1970/71, da war Stefan Franz gerade mal fünf Jahre alt, wurde wieder einmal renoviert, die Originaldisposition rekonstruiert und der auf die Seite verlegte Spieltisch an seinen ursprünglichen Platz in der Front gerückt. Ungewöhnlich: Die Orgel befindet sich auf der Chorempore über dem Altar. „Diese Dreieinheit mit Altar und Kanzel gefällt mir gut“, sagt Franz. Das Gehäuse sei schön und kompakt. Stumme Pfeifen gebe es nicht, sagt der Organist lächelnd und verkneift sich offenbar eine Anspielung auf den Namen des Orgelbauers. Es gebe jedoch einige versteckte, sagt Franz und öffnet eine Seitentür des Prospekts. Ein richtiges Kraftwerk für Töne tut sich auf. Der Prospekt ist, wie bei der Erbauung, in sieben Felder gegliedert. Stefan Franz fasst zusammen: „Eine für die damaligen Verhältnisse sehr großzügig gebaute Barockorgel, die auch heutigen Anforderungen entspricht.“ Sie werde der Barockkirche aus dem Jahr 1755 gerecht. Freilich könne man auf der Orgel nicht die Musik aller Epochen spielen. Besonders geeignet seien Werke, die zwischen der Mitte des 17. und des 18. Jahrhunderts entstanden seien. Um den seit der Renovierung im Jahr 2006 hervorragenden Klang vorzuführen, spielt Stefan Franz ein kleines Werk des Barockkomponisten Johann Jakob Froberger, eines Vorläufers Bachs. Die Toccata in a-Moll von Froberger hat Franz auch 2004 auf CD eingespielt, als Geld gesammelt wurde für die Orgelrestaurierung. Auf der Platte sind Mitschnitte von Auftritten in der Kirche, viele mit Orgelbegleitung. So spielen Franz′ Kollegen Jochen Weber und Jenny Batzler Orgelstücke, der (von Franz geleitete) Schülerchor der Integrierten Gesamtschule (IGS) wirkt ebenso mit wie der „Junge Chor Mutterstadt“ und der Chor „Crescendo“. Stefan Franz ist Lehrer an der IGS Mutterstadt, wo er Biologie, Geschichte und Musik unterrichtet. Gelernt hat er Klavier und Orgel, im Studium an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zusätzlich Klarinette, „die ich seitdem aber nicht mehr angerührt habe“, erzählt der 49-Jährige. Später hat er in Bands gespielt und „auch etwas Schlagzeug und ein paar Gitarrengriffe gelernt“. Das komme ihm jetzt im Unterricht zugute. Seit 2005 leitet Stefan Franz die Bigband Octophones, spielt hier Klavier beziehungsweise Keyboards. Von dem 16-Mann-Orchester schwärmt er, gerade wenn vom Repertoire die Rede ist. Es umfasst Jazz der Swing-Ära und moderne Kompositionen für Bigbands, aber auch auch Popsongs in Jazzarrangements. Zur Orgel in Mutterstadt ist Stefan Franz gekommen, weil sein Vater, ein Beschäftigter bei der Bundesbahn, das Instrument in Gottesdiensten gespielt hat und weil der damalige Pfarrer Helge Müller ihn, den jungen Franz, gebeten hat, doch ebenfalls die Orgel zu spielen. „Das hat so mit 16 Jahren begonnen“, erinnert sich der Mutterstadter. Durch die Konfirmation habe sich der Kontakt zur Kirche ergeben, schließlich sei er zur Kirchenmusik im Nebenamt gekommen, nach zweieinhalb Jahren Orgelunterricht in Speyer. Zu einer Schrecksekunde kam es vor Jahren während eines Weihnachtsgottesdienstes. Franz zeigt auf sechs Ornamentstücke unter den Orgelpfeifen im Prospekt. „Dieses hier, das dritte von rechts, hat sich gelöst und fiel plötzlich herab.“ Fast genau darunter saß des Organisten Vater, der sich gelegentlich am Spieltisch aufhielt. Dem alten Herrn sei jedoch nichts passiert, das Teil habe ihn knapp verfehlt. Und in der Kirche sei nur ein Geräusch zu hören gewesen. „Ich konnte das Stück schnell einsetzen und weiterspielen.“ Festleimen würde er es aber keinesfalls. Das habe Orgelbauer Stumm nicht vorgesehen. Alle sechs Elemente seien herausnehmbar. Und so soll es auch bleiben.

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