Ludwigshafen Ein kleiner Teil vom Weltkonzern

Die Atmosphäre einer Hauptversammlung ist eine spezielle. Einerseits ist die jährliche Aktionärsveranstaltung der BASF ein Event. Die Gäste werden vollumfänglich bewirtet – beim Frühstück angefangen. Vor Beginn der Reden flimmern bunte, fröhliche Werbefilmchen über die Leinwände im ganzen Rosengarten. Die Bühne im Mozartsaal ist fernsehstudio-ähnlich ausgeleuchtet, im Foyer gibt’s ein Ausstellungsprogramm. Der Eindruck: Hier ist ein Weltkonzern, und man selbst darf heute ein kleiner Teil davon sein. Andererseits sind es die ernsten Themen, die sich in die Freude an Würstchen und Kartoffelsalat einschleichen. Es sind die kritischen Nachfragen der Aktionäre, die eine Hauptversammlung zur wichtigen Veranstaltung werden lassen. Bischof Johannes Seoka etwa ist zum mittlerweile fünften Mal aus Südafrika angereist und erinnert erneut nicht nur an die gewaltsame Auseinandersetzung in der Lonmin-Mine in Marikana, bei der vor sieben Jahren Polizisten 34 streikende Arbeiter erschossen. Er fordert die BASF auch erneut auf, „ein Zeichen für Veränderung zu setzen“ und sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor Ort einzusetzen. Lonmin ist für die BASF ein wichtiger Platin-Lieferant. Vorstandsmitglied Saori Dubourg dazu: „Die Situation vor Ort wird von uns regelmäßig überprüft.“ Andere Nachfragen gibt es dazu, wie die BASF sich für weitere Niedrigwasser im Rhein wappnet oder aber danach, warum ein Vorstandsmitglied so übermäßig hoch bezahlt wird und ob er sich davon wohl einen Palast leiste. Es sei gut, dass die Veranstaltung „offen für solche Fragen ist“, sagt Hans Schell, kurz nachdem Bischof Seoka gesprochen hat. Der 80-Jährige ist gemeinsam mit Frau Christa nach Mannheim gekommen. Beide haben „schon lange“ BASF-Aktien und wollten nun endlich einmal eine Hauptversammlung miterleben. Was auffalle, sei, wie der Vorstand Entwicklungen positiv darstelle und es dann bei den Nachfragen teils ganz anders aussehe. „Das zeigt die Komplexität eines Industrieunternehmens“, sagt Christa Schell. Der Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller habe sie „beeindruckt“. Der 57-Jährige steht zwar bereits seit Ablauf der letzten Hauptversammlung, also seit rund einem Jahr, an der Spitze des Chemiekonzerns, spricht in diesem Jahr aber zum ersten Mal in neuer Aufgabe zu den Aktionären. Dass die Schells aus Tübingen angereist sind, erklärt eine andere Beobachtung der beiden. Sowohl Brudermüller wie auch der Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Hambrecht seien gebürtige Schwaben. „Sie machen einen soliden, verantwortungsvollen Eindruck.“ „Finde ich gut, den Mann“, sagt auch eine Rentnerin aus Mannheim über Brudermüller. Dass er „frischen Wind“ mitbringe und „näher an der Produktion“ sei, attestiert Klaas Ahlers dem studierten Chemiker und BASF-Chef. „Seine Strategie ist überzeugend.“ Ahlers ist aus Münster gekommen, wo er bis vor zehn Jahren dort bei der BASF gearbeitet hat. Die Versammlung sei ihm allerdings zu voll, wie er im Foyer des Rosengartens klagt. Dass sie in Mannheim und nicht auf der anderen Rheinseite stattfindet, dürfte ihn unterdessen freuen. Schließlich sagt er sehr direkt: „Ludwigshafen ist eine der hässlichsten Städte, die ich kenne.“ Dienstlich sei er früher ein paar Mal dort gewesen, sagt der 75-Jährige. Auch jüngere Gesichter sieht man. Während eine 28-Jährige aus Mannheim nur da ist, „weil ich gerade Zeit hatte“, „um die Ecke wohnt“ und sie ihre Mutter vertritt, sind die beiden Studenten Tim Smogolla und Jan Knierim auch inhaltlich an dem interessiert, was hier heute passiert. Sie sind im dualen Studiengang Informationstechnik eingeschrieben und arbeiten bei einer BASF-Tochterfirma. „Wir sind überrascht, wie groß das hier ist“, sagen die beiden 22-jährigen Hauptversammlungsneulinge während des Mittagessens. Doch es sei „interessant“, insbesondere die Fragen der Aktionäre. Brudermüller wirke „überzeugend und souverän“. Überhaupt kein Neuling, sondern sehr erfahren ist Drogo Fränzle aus Mannheim. „Ich hatte von Kind an mit dem Namen BASF zu tun“, sagt der 84-Jährige, der zur Schule in der BASF-Siedlung in Rheinau ging. Noch heute wohnt er in Mannheim und ist auch schon viele Jahre Aktionär. Die BASF sei „ein zuverlässiges Unternehmen“, sagt er. Über seine frühere Arbeitsstelle in der Textilindustrie hatte er auch beruflich indirekt mit der „Anilin“ zutun. Über eins dürften sich alle freuen: Die Dividende wird um zehn Cent auf 3,20 Euro je Aktie erhöht. Das soll auch künftig der Fall sein, verspricht Brudermüller. Ob und in welcher Höhe das zu schaffen ist, da sind sich einige Aktionäre jedoch nicht sicher. Politik/Wirtschaft