MannheimEin Jahr nach Amokfahrt: So geht es Überlebenden und Angehörigen
Schicksalsgemeinschaft (von links): Kai Matt, Michael Gangnus und Stefanie Bauer.
Zur falschen Zeit am falschen Ort: Am 12. Juni 2022 raste ein psychisch kranker Mann mit seinem Wagen auf vier Radfahrer zu. Zwei Menschen starben, ein Mann verlor ein Bein.
Am Montag wird ein Jahr seit der Amokfahrt in Mannheim vergangen sein. Es war am frühen Abend des 12. Juni 2022, als ein unter paranoider Schizophrenie leidender 36-jähriger Mann aus Ellerstadt bei Bad Dürkheim zunächst im Wahn seinen Vater tötete, im Anschluss mit dem Wagen der Eltern nach Mannheim in die Rhenaniastraße fuhr und gezielt vier Radfahrer rammte. Michael Gangnus, das erste Opfer, verlor ein Bein, Stefanie Bauer ihre Mutter und ihren Vater. Kai Matt kam leicht verletzt davon, doch auch ihn lassen die Ereignisse nicht los. Als Schicksalsgemeinschaft sind die drei zusammengerückt – und müssen doch ganz unterschiedlich mit den Folgen umgehen.
Michael Gangnus freut sich über die Sonne. Mit dem Rollstuhl fährt er in den Innenhof seines Pflegeheims, mit Prothese und Vier-Punkt-Gehstock kann er schon wieder erste Schritte gehen. Der 58-Jährige kämpft sich zurück ins Leben, einen Monat lag er nach dem Unglück im Koma, 13 Mal musste er operiert werden, seine Wohnung und seinen Job als Altenpfleger aufgeben. Seinen Humor aber hat er nicht verloren. „Ich sehe jetzt die andere Seite meines Berufs. Als C-Promi werde ich gut behandelt“, fühlt er sich bei den Pflegern gut aufgehoben.
„Es ist ein Wir-Gefühl entstanden“
Viel Zeit hat Gangnus jetzt, auch zum Nachdenken. Szenen von damals kommen auf, wie er von einem Kleingarten in Rheinau nach Hause radelt – als plötzlich ein Auto auf ihn zurast. „Ich habe nur Erinnerungsstücke, aber immer noch Alpträume und Schlafstörungen. Manche Tage sind grauer als andere“, sagt er. Und doch findet er wieder Lebensfreude. Dank eines großen Freundeskreises, der Familie und durch Zuschriften, Mails und Spenden von Fremden. „Aber der Kampf ist nicht zu Ende, er wird mich mein Leben lang begleiten“, weiß er.
Kai Matt tat sich lange schwer damit, auf die anderen Opfer zuzugehen, denn er kam quasi „nur“ mit dem Schrecken davon. „Ich habe Angst gehabt, mich zu melden. Ich war ja der Glückliche, ich lag nicht im künstlichen Koma oder habe meine Eltern verloren. Ich wusste nicht, wie sie reagieren, aber es ist ein Wir-Gefühl entstanden“, sagt er heute. Auch Michael Gangnus lernte er erst beim Anwaltstermin kennen. Aus „irgendjemand, der angefahren wurde“, wurde ein Gesicht – und eine Freundschaft erwuchs. Gemeinsam überstand man den Prozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Und gemeinsam erfuhr man auch vom Urteil: Der Täter soll dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung bleiben.
Rettete ein Zufall sein Leben?
Großeinsatz in Mannheim-Rheinau vor einem Jahr: Ein Mann ist damals in mehrere Radfahrer hineingefahren.
Mit dem Rennrad war Kai Matt vor einem Jahr nach einer Sonntagstour auf dem Nachhauseweg. „Normalerweise lege ich auf der geraden Strecke noch mal einen Sprint hin“, erzählt er. An diesem Tag aber hatte er einen Platten und musste am Straßenrand einen Reifenschlauch tauschen. Dadurch verlor er Zeit, behielt aber sein Leben. Er sah ein beschädigtes Auto mit wackeligem Kennzeichen und schiefer Stoßstange, dachte erst an Fahrerflucht. „Aber obwohl viel Platz war, steuerte es genau auf mich zu.“
Matt konnte sich bei einer Baustelle in Schutz bringen, brach sich den kleinen Finger, die Stoßstange schrammte sein Schienbein. Rennrad fährt er wieder im vollen Tempo, die Rhenaniastraße aber, den Ort des Geschehens, meidet er. „Ich habe es zweimal versucht, aber nur die Autos beobachtet“, sagt er. Wann immer er einen beschädigten Wagen oder ein schiefes Kennzeichen sieht, bekommt er ein mulmiges Gefühl.
Lehrerin verliert ihre Eltern
Stefanie Bauer überkommt beim Laufen manchmal die Wut. „Je näher der Tag rückt, desto stärker wird es wieder eine Belastung“, sagt sie. Die Grundschullehrerin befand sich damals im Urlaub, die Eltern pflegten ihren Garten, ließen den Rasensprenger laufen und wollten nur noch eine kurze Abendrunde mit dem Rad drehen. Mutter Monika (71), das zweite Opfer nach Michael Gangnus, verstarb nach der Attacke noch am Unfallort, Vater Peter (77) lag im künstlichen Koma. Die Tochter kehrte sofort heim, konnte ihren Vater noch besuchen, doch sieben Wochen später starb auch er.
Den ersten Herbst, Winter und Frühling hat Stefanie Bauer nun ohne ihre Eltern erlebt. Nun rückt der 12. Juni wieder näher. Wie sie ihn verbringen wird? „Ich weiß noch nicht, was es mit mir macht. Ich werde mit den Kindern den Friedhof besuchen, aber ich versuche, Alltag zu haben, in die Schule zu gehen. Auch wenn der Tag schwer wird, kann ich ihn nicht übergehen“, sagt sie.
Grillen, Bier trinken, sich normal fühlen
Michael Gangnus dagegen möchte mit Freunden im Kleingarten sein. „Grillen, Bier trinken, sich normal fühlen. Das wird meine Therapie sein, aber jeder geht anders damit um und hat eine andere Berührungsstufe“, betont er. „Unter normalen Umständen hätten wir uns wohl nie getroffen. Es gibt eine Verbindung, keiner denkt und empfindet so wie wir. Wir können in unserer kleinen Gruppe offen reden – und auch lachen“, erzählt Stefanie Bauer. Als Schicksalsgemeinschaft sind sie gemeinsam an die Öffentlichkeit getreten. Um die Opfer sichtbar zu machen, um nicht zu vergessen, aber auch, um Rechte einzufordern.
„Ich habe zunächst keine Unterstützung durch Ämter, Stadt oder Land erfahren. Ich stand alleine da, ohne Hilfe. Wir fordern daher eine konkrete Stelle für Krisenintervention bei der Stadt, an die man sich wenden kann, wo die Opfer an die Hand genommen werden“, erklärt Gangnus. Heute werden seine monatlichen Pflegekosten von über 3000 Euro von der Stadt finanziert. Und der 58-Jährige wüsste nicht, wie es ihm ohne diese Unterbringung und finanzielle Unterstützung gehen würde.