HINTERGRUND RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Fehlgriff von Südwest

Trainer Georg Gawliczek sollte den SV Südwest Ludwigshafen in die Bundesliga führen. Doch er scheiterte.
Trainer Georg Gawliczek sollte den SV Südwest Ludwigshafen in die Bundesliga führen. Doch er scheiterte.

So nah war der Ludwigshafener Fußball noch nie seinem „Traumziel Bundesliga“: In der Regionalliga-Saison 1970/71 fehlte dem ambitionierten SV Südwest nur ein einziger Punkt zum zweiten Tabellenplatz in der Endabrechnung und damit zur Qualifikation für die Aufstiegsspiele zur deutschen Eliteliga. Dann sollte es eben in der folgenden Saison in einem neuen Anlauf ein erfahrener Trainer mit der Mannschaft schaffen. Der Plan ging nicht auf.

Südwest holte Georg Gawliczek, der bis dahin schon drei renommierte Mannschaften in der 1963 gegründeten Bundesliga betreut hatte. Von 1960 bis 1964 trainierte er den FC Schalke 04, von 1964 bis 1966 den Hamburger SV und 1967/68 den Karlsruher SC. Der zu diesem Zeitpunkt 52-jährige gebürtige Oberschlesier war für den Ludwigshafener Fußball kein Unbekannter: In der Saison 1953/54 absolvierte er als 34-Jähriger für den Südwest-Gründungsverein SV Phönix in der Oberliga Südwest 30 Spiele und erzielte bei seiner letzten Station als Spieler vier Tore. Zuvor war Gawliczek bei Schalke 04, dem Meidericher SC, dem 1. FC Kaiserslautern und dem 1. FC Köln am Ball.

Doch nach seinem knapp zweijährigen Ludwigshafener Gastspiel als Trainer vom 1. Januar 1971 bis November 1972 gab es lange Gesichter bei den Südwest-Verantwortlichen: Als Gawliczek im Herbst 1972 vorzeitig die Segel strich, stand die Mannschaft im freudlosen Mittelfeld der Tabelle – von Bundesligaaufstieg war längst nicht mehr die Rede. Dabei kam der „Schorsch“, wie er rund um den Südwestplatz gerufen wurde, mit der Empfehlung eines „Erfolgstrainers“ an seinen einstigen Wirkungsplatz als Spieler zurück: Mit dem FC Zürich war er 1970 Schweizer Pokalsieger geworden – ein Jahr zuvor mit dem Lokalrivalen FC Young Fellows Zürich in die erste Schweizer Liga aufgestiegen. Und noch ein Fakt sprach für die gute Reputation des Fußball-Lehrers: Er galt als heißer Kandidat für die Nachfolge von Bundestrainer Sepp Herberger, als er von 1956 bis 1960 in DFB-Diensten stand.

Doch das Warten auf diese Chance war nicht sein Ding: 1960 kündigte er beim DFB und folgte dem (finanziellen) Lockruf des FC Schalke 04, der ihm angeblich ein Monatsgehalt von damals beachtlichen 3000 Mark bot. Vier Jahre später – 1964 – wurde die Cheftrainerstelle beim DFB frei, als Herberger in den Ruhestand ging. Von den einst drei Nachfolger-Kandidaten Helmut Schön, Dettmar Cramer und Gawliczek war nur der 49-jährige Co-Trainer Helmut Schön übrig geblieben. Mit ihm wurde Deutschland 1974 Weltmeister. Dabei hätte Gawliczek durchaus eine Chance auf die Herberger-Nachfolge besessen, denn der hielt viel von dem ehemaligen südwestdeutschen Verbandstrainer (1954-1956), der bei ihm 1949 an der Sporthochschule in Köln die Ausbildung zum Fußball-Lehrer neben späteren Bundesligatrainern wie Kuno Klötzer (u. a. Hamburger SV), Helmut Kronsbein (u. a. Hannover 96) oder Herbert Burdenski (u. a. Borussia Dortmund) problemlos absolviert hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Gawliczek noch die Bundesliga im Blick, in der es viel Geld zu verdienen gab: Als er 1964 für geplante zwei Spielzeiten zum Hamburger SV wechselte, wurde ihm sein Schalke-Gehalt auf 6000 Mark pro Monat verdoppelt. Doch der Oberschlesier scheiterte ein zweites Mal: Nach seinem Rauswurf am 25. April 1964 beim FC Schalke 04 (der zweiten Trainer-Entlassung in der Bundesliga-Geschichte) folgte fast genau zwei Jahre später am 17. April 1966 beim Hamburger SV die vorzeitige Entlassung. Nach wiederum knapp zwei Jahren war auch bei seiner dritten Bundesliga-Station Karlsruher SC am 8. Februar 1968 vorzeitig Schluss.

Zwei weitere Bundesliga-Engagements bei Tennis-Borussia Berlin (1973-1975) und Hertha BSC Berlin (Dezember 1981-1983) brachten ihm ebenfalls kein Glück: Beide Berliner Traditionsclubs stiegen am Saisonende entweder aus der Ersten Liga ab oder landeten im Tabellen-Niemandsland. Zuvor stand Gawliczek auch beim Freiburger FC (1976-1978) und beim SV Waldhof Mannheim (November 1978-März 1980) in der Zweiten Liga unter Vertrag.

Nach seinem Ausscheiden im Januar 1984 bei Hertha BSC Berlin zog Gawliczek, dessen Familie seit Jahren in Karlsruhe wohnte, mit nunmehr 65 Jahren einen Schlussstrich und zog sich in den Ruhestand zurück. Er hatte bei seinen fünf Vereinen in der Bundesliga als Coach 168 Spiele absolviert – weitere 161 in der Zweiten Liga. Sein ehemaliger Schützling Willi Koslowski (FC Schalke 04) lobte ihn nach seinem Abgang: „Gawliczek war ein vernünftiger Mann – er wurde nur selten laut.“

Nach Ludwigshafen kehrte Ruheständler Gawliczek aus seiner Wahlheimat Karlsruhe des Öfteren zurück – zum Fußball-Fachsimpeln. Ein Freundeskreis hatte sich am Stammtisch im Mundenheimer Traditions-Gasthaus „Zur Linde“ gebildet – auch anderswo war er wegen seiner Eloquenz ein gern gesehener Gast. Kein Wunder, dass sein Tod am 4. September 1999 in Karlsruhe auch in der Stadt betrauert wurde, wo er als Spieler und Trainer gewirkt hatte.

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