Meinung am Montag
Ein Experte erklärt, warum sich eine Sanierung des Rathaus-Centers lohnen würde
Herr Korwan, warum beschäftigt sich die TU Berlin mit Bauprojekten in Ludwigshafen?
Ich bin in Mannheim aufgewachsen. Das hat also einen persönlichen Hintergrund. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann war Ludwigshafen für mich der absolute Gegenpart zu Mannheim. Dort gab es viele moderne Gebäude wie das Hack-Museum, und die Straßenbahn fuhr wie eine U-Bahn. Das war völlig anders als in der Barockstadt Mannheim. Ich habe den Kontakt zu meiner Heimat nie verloren und verfolge auch von Berlin, was dort passiert. Deswegen haben wir im vergangenen Jahr mit einer Seminarreihe angefangen, in der wir uns mit den Hochstraßen und dem Rathaus-Center beschäftigen.
Die ursprüngliche Planung – erst Abriss Hochstraße Nord, dann Sanierung Südtrasse – ist überholt. Auch die Pläne für die ebenerdige Straße als Ersatz für die Hochstraße Nord sollen geändert werden. Dafür wird das Rathaus-Center abgerissen. Sie und Ihre Studenten haben sich mit der Zukunft des Centers befasst. Wie beurteilen Sie den Abriss?
Ich sehe das sehr problematisch. Es war eine überstürzte Entscheidung. Der Stadtrat hatte als Plangrundlage nur eine Handskizze, die zeigt, wie die Stadtstraße verschwenkt wird. Das Rathaus-Center ist 40 Jahre alt und hat eigentlich noch nicht das Ende seiner Lebensdauer als Gebäude erreicht. Natürlich steht nach so einer Zeit eine Generalsanierung an. Aber das ist kein K.o.-Kriterium. Das Center war und ist ein unglaublich avantgardistischer Bau. Eine Mischung aus Rathaus und Shopping-Mall, Parkhaus und Straßenbahnhaltestelle. Eigentlich sind das Dinge, die man heutzutage immer fordert: Es ist ein Gebäude mit verschiedenen Funktionen.
Die Kombination aus Rathaus und Einkaufszentrum gibt es aber auch andernorts, oder?
In diesem Maßstab fällt mir da eigentlich nur das Rathaus in Essen ein. Das Rathaus-Center in Lu hat auch etwas mit Identität zu tun. Es ist eines der wenigen verbliebenen Wahrzeichen nach dem Abriss des Engelhorn-Hochhauses und der „Tortenschachtel“ – auch die Hochstraße Nord verschwindet ja demnächst. Man fragt sich, was bleibt eigentlich noch von dieser Stadt? Das Rathaus-Center ist mittlerweile zudem auch das Gegenteil eines klassischen Shopping-Centers, dem Architekten kritisch gegenüber stehen.
Wie meinen Sie das?
Shopping-Center zerstören Innenstädte. Die Läden betreiben die immer gleichen Ketten. Ob das in Essen, Berlin und Ludwigshafen steht – es ist immer das Gleiche. Das Rathaus-Center ist mehr als eine Mall, es ist ein funktionierender Treffpunkt für alle soziale Schichten und ein Scharnier zwischen dem Hemshof und der Innenstadt. Ich sehe daher den Bau der neuen Stadtstraße als sehr problematisch an.
Warum?
Die Straße wird die Stadtteile trennen. Da wird ein Keil in die Stadt geschlagen. Man konnte in den vergangenen 40 Jahren vom Hemshof in die Innenstadt gehen, ohne zu bemerken, dass da eine Hochstraße ist. Das hat funktioniert. Die Hochstraßen haben den Autoverkehr aus der Stadt herausgehalten. Das wird mit der neuen Stadtstraße schwieriger.
Sie würden daher für den Erhalt des Rathaus-Centers plädieren?
Ich halte die Abrissentscheidung für voreilig. Es ist letztlich auch nach den Kosten entschieden worden. Abriss und Sanierung sollen ungefähr 300 Millionen Euro kosten. Ich halte es für problematisch, wenn man solche Entscheidungen rein aus monetären Gründen trifft und andere Aspekte nicht einfließen, wie etwa die Treffpunkt-Funktion des Gebäudes, die sich nicht quantifizieren lässt.
Aber es gibt ja auch Sachzwänge. Die Stadtspitze argumentiert damit, dass mit dem Abriss eine verschwenkte Straße möglich wird. Das verkürzt die Bauzeit, senkt die Kosten und lässt den Verkehr besser fließen. Zumal niemand weiß, wie lange die Hochstraße Nord noch hält. Zählen diese Argumente nicht?
Nein. Es geht dabei nicht um langfristige Stadtentwicklung, sondern um eine Infrastrukturmaßnahme. Zum bestimmenden Element für die Zukunft von Ludwigshafen wird die Stadtstraße. Dafür wird eine riesige Lücke in die City gerissen. Ohne das Center fehlt der Gegenpunkt zum Berliner Platz. Das Automobil ist wieder bestimmend für den Städtebau. Das halte ich für falsch.
Ist das wirklich so? Die Hochstraße Nord ist 1,8 Kilometer lange. Der Großteil ist eine Betonbrache, die mit dem Abriss verschwindet und Platz für die neue „City West“ entlang der neuen Stadtstraße bietet.
Dazu gibt es aber bisher kaum konkrete Planungen. Das Rathaus-Center hätte übrigens auch für die „City West“ eine wichtige Funktion als Verbindung zwischen den Stadtteilen gehabt. Ich will die Hochstraßendebatte nicht neu anfangen, aber man hätte sich überlegen können, wie man den verlorenen Raum unter der Hochstraße nutzen könnte. Meine Studenten hatten da ganz interessante Ideen und Entwürfe, zum Beispiel ein Konzerthaus.
Das ist eine akademische Diskussion. Der Hochstraßenabriss ist beschlossene Sache.
Genau. Aber es gibt in Deutschland noch andere Hochstraßen. Wir haben auch einen Entwurf für ein saniertes Rathaus gemacht – da wussten wir nichts von einem Abriss.
Was hätten Sie und Ihre Studenten aus dem Rathaus gemacht?
Wir haben uns gefragt, wie sieht ein Rathaus der Zukunft aus? Wie kann das aussehen, wenn der Nordteil davon wegfällt? Klar war für uns auch, dass man auf Dauer keine zwei Shopping-Center in der Innenstadt braucht. Wir haben das sanierte Rathaus-Center als ein Stadtzentrum gesehen. Einen Ort für die Nahversorgung, mit einer Kita und anderen Angeboten.
Das ist ja auch für einen Neubau auf dem Areal im Gespräch.
Durchaus. Aber mit dem Unterschied, dass wir das bestehende Gebäude dafür weiter nutzen wollten.
300 Millionen für eine Sanierung des Gebäudes sind aber auch eine gigantische Summe.
Stimmt. Die Frage ist, welche Ansprüche man an die Gebäudetechnik hat. Generell bauen wir in Deutschland mittlerweile einfach zu komplex und hierdurch auch zu teuer. Die dem Rathaus-Center zugrundeliegende Skelettstruktur ist dazu prädestiniert, um in etwas Neues transformiert zu werden. Es gibt viele Umnutzungen von Gebäuden aus dieser Zeit.
Elemente der Arbeit Ihrer Studenten sind ab März in einer Ausstellung des Kunstvereins Ludwigshafen zu sehen. Was erwartet die Besucher?
Eine Dokumentation unserer Arbeit aus drei Semestern. Da gibt es Entwürfe für Gebäude unter der Hochstraße Nord und für ein umgebautes Rathaus zu sehen. Wir wollen Denkanstöße für die Entwicklung der Stadt in den nächsten Jahren geben. Es gibt dazu Zeichnungen, Videos und Modelle. Daneben werden Arbeiten von Künstlern gezeigt, die sich mit dem Thema des Wandels in Ludwigshafen und ganz allgemein in Städten beschäftigten. Wir begreifen diese Ausstellung als einen offenen Diskussionsraum für die Bürger.
Ludwigshafen hat sich alle Jahrzehnte neu erfunden – Stichworte: Bahnhofsverlegung, Hochstraßenbau, Rathaus-Center, Walzmühle, Rheinufer Süd und Rhein-Galerie. Gibt es das auch in anderen Städten?
In einer Stadt auf so einem engen Raum ist mir so etwas noch nicht begegnet. Die Dichte an solchen Themen sucht ihresgleichen. Es ist ein gigantisches Experimentierfeld. Deswegen zieht es mich auch immer wieder hierhin. Die Neuerfindung der Stadt besteht übrigens nicht immer aus Abriss. Mit dem Hemshof hatte die Stadt eines der größten Sanierungsgebiete bundesweit. Das ist ein sehr gelungenes Beispiel, wie man gut mit dem umgeht, was man hat.
Was sagen Sie als Außenstehender: Gibt es eine fundierte Stadtplanung, oder sind die Entscheider im Rathaus Getriebene der Ereignisse?
Ich habe den Eindruck, dass die Disziplinen Tiefbau und Verkehrsplanung die Oberhand gewonnen haben vor der Stadtplanung. Das finde ich sehr schade.
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