Ludwigshafen Ein Dirigiertalent

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Puccinis „Tosca“ eröffnet am Sonntag die Reihe der Festlichen Opernabende am Mannheimer Nationaltheater. Am Pult steht Benjamin Reiners, seit Spielzeitbeginn Erster Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor.

Er ist ein fulminantes Dirigiertalent. Um sich von seinen außergewöhnlichen Qualitäten zu überzeugen und begeistern zu lassen, genügten im Auftaktkonzert des Nationaltheaters zum Saisonbeginn wenige Takte des Duetts Gustavo-Amelia aus Verdis „Maskenball“. Unmissverständlich sprach daraus der Formwille des dynamisch, mit zündendem Brio und sehr beredter Zeichengebung agierenden jungen Dirigenten. Zu spüren war aber auch sein im besten Sinne musikantischer Impuls, der sich auf das Orchester übertrug. Gesungen und gespielt wurde unter Reiners` straffer, unablässig auf Differenzierung zielender Stabführung intensiv, mit leidenschaftlichem Nachdruck. Spannende, genuin dramatische Akzente gelangen dem Dirigenten auch in den Arien der Elettra aus Mozarts „Idomeneo“ und des Enrico aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“. Vor allem in der Ouvertüre zu Webers „Freischütz“ setzte er überaus fantasievoll und sensibel Übergänge, Feinheiten der Dynamik, der Farbgebung und musikalische Charaktere um. Reiner Genuss war es, seinem souveränen Schalten und Walten zuzuschauen. Reiners versteht sich in erster Linie als Opernkapellmeister. Mit seinem ersten Opernbesuch im Alter von 13 Jahren fiel sogleich seine Entscheidung für den Dirigentenberuf. Die erste Begegnung war zugleich Liebe auf den ersten Blick zur Musikbühne. Seine Ausbildung bestritt der gebürtige Duisburger in seiner Heimatstadt, in Köln und Detmold, wo er an der Musikhochschule Dirigieren studierte bei Karl-Heinz Bloemeke, der übrigens Anfang der achtziger Jahre am Nationaltheater dieselbe Position bekleidet hat wie jetzt sein Schüler. Zuvor arbeitete Reiners an den Staatstheatern in München und Hannover. Dort steht er noch bis zum Jahresende unter Vertrag und pendelt daher ständig zwischen Mannheim und Hannover. In Mannheim werden in dieser Spielzeit noch Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ unter seiner Leitung herauskommen und „La Reine/Die Königin“, ein Musiktheaterprojekt mit der prominenten Sopranistin Angela Denoke, Wagners Wesendonck-Liedern und „Les nuits d`été“ von Hector Berlioz, verbunden mit Texten von Heiner Müller und Arthur Rimbaud. Zu Beginn seiner Arbeit am Nationaltheater empfinde er „freudige Anspannung; bei so einem Wechsel werden positive Energien frei“, sagt der freundlich aufgeschlossene Gesprächspartner, Außerdem schätze er die Tradition des Nationaltheaters, das umfangreiche Repertoire und den hohen künstlerischen Standard. Ein vorbehaltloses Bekenntnis legt der Dirigent zum Ensemble- und Repertoiretheater ab. Als nicht zu unterschätzenden Vorteil sieht er dabei den kontinuierlichen Kontakt mit Musikern und Sängern, die Möglichkeit, „sie musikalisch und menschlich genau kennenzulernen, mit ihnen direkter reden zu können als mit Künstlern, denen man in einem Stagione-System zum ersten Mal begegnet“. Ebenso eindeutig bejaht Reiners das Regietheater. „Ich will kein Museum“, erklärt er. „Die Oper lebt mit einem überwiegend historischen Repertoire. Dieses soll aber so vorgestellt werden, dass die Stücke mit dem Jetzt etwas zu tun haben und den Theaterbesucher von heute ansprechen. Vom Theater erwarte ich, dass es Geschichten erzählt, mit denen ich mich identifizieren, mitfühlen, mitleiden kann.“ Die Tendenz, klassischen Stücken frei erfundene aktuelle Inhalte überzustülpen, hält er jedoch für kontraproduktiv. Erschwerend komme hinzu, dass das Vokabular des Regietheaters nicht neu sei: „Seit gut vier Jahrzehnten werden den Zuschauern dieselben Muster vorgesetzt. Allgemeinplätze und Abnutzungserscheinungen lassen sich da unschwer erkennen.“ Termin Festlicher Opernabend mit „Tosca“ am Sonntag um 19 Uhr im Mannheimer Nationaltheater. Galagäste sind Tatjana Serian in der Titelrolle und Michael Volle als Scarpia. Karten unter Telefon 0621/1680-150.

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