Ludwigshafen Ein deutsches Emigrantenschicksal
„Siebentürmeviertel“ heißt Feridun Zaimoglus neuer Roman. Erzählt wird die Geschichte eines Emigrantenkindes aus Hitlerdeutschland, das in Istanbul Zuflucht gefunden hat. Während des Festivals „Offene Welt“ hat der Autor sein Buch im Theater im Pfalzbau vorgestellt.
Es war nicht der erste Besuch Feridun Zaimoglus in dem Ludwigshafener Theater. Seit seinem vor 20 Jahren erschienenen und auch für die Bühne bearbeiteten Erfolgsbuch „Kanak Sprak“ war er hier immer wieder einmal zugegen, sei es mit Theaterstücken wie „Schwarze Jungfrauen“ oder mit Lesungen, so vor fünf Jahren mit „Liebesbrand“. Seine Beziehung zu Ludwigshafen geht jedoch über das Theater hinaus. Er sei jetzt durch die Innenstadt gelaufen und habe immer wieder mit seinem Vater telefoniert, schickte Feridun Zaimoglu seiner Lesung voraus. Sein inzwischen 85-jähriger Vater habe nämlich als junger Mann eine Weile bei der BASF gearbeitet, den Sohn jetzt über das Handy zu Erinnerungsorten gelenkt und sich diese beschreiben lassen. Ähnlich ist der Schriftsteller bei seinem neuen Roman vorgegangen. Den Anstoß dazu gaben Erzählungen des Vaters über das Quartier in Istanbul, in dem er aufgewachsen ist: das Siebentürmeviertel. Daraufhin begab sich der Sohn auf Erkundungsfahrt. Er reiste in die türkische Stadt, ging durch das Arme-Leute-Viertel und sprach mit dessen Bewohnern. „Ich wusste, dass es eine lange Reise wird“, sagte er nun im Pfalzbau im Rückblick auf sein Buchprojekt. Mit seinen 800 Seiten ist „Siebentürmeviertel“ tatsächlich das umfangreichste Buch in einer stattlichen Anzahl von Veröffentlichungen des 51-jährigen, vielfach ausgezeichneten Schriftstellers. Feridun Zaimoglu hat jedoch nicht einfach die Geschichte seines Vaters nacherzählt und mit eigener Fantasie erweitert, wie er es in dem vor zehn Jahren erschienenen Roman „Leyla“ getan hat. Die Lebensgeschichte seiner Mutter diente ihm damals als Folie für die Geschichte einer jungen Einwandererin aus Ostanatolien. In „Siebentürmeviertel“ geht er weiter zurück in die Vergangenheit, in die Zeit des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs 1939, und schickt einen sechsjährigen Jungen aus Deutschland in die Türkei. Seine Hauptfigur, eine Halbwaise namens Wolf, flüchtet mit dem Vater, einem kaisertreuen Sozialdemokraten, aus Hitlerdeutschland nach Istanbul und wächst bei Pflegeeltern in dem Vielvölkergemisch des Stadtteils auf. Am Ende des Romans ist Wolf die Fremde zur Heimat geworden. „Siebentürmeviertel“ ist ein Roman der Heimfindung. „Sie nennen mich Hitlers Sohn“, so lautet der erste Satz des Romans. Zaimoglu las den Anfang des Buches und anschließend eine Episode, die in der Schule spielt. Der Anfang ist eine bilderreiche und metapherngesättigte Einstimmung auf das Stadtquartier, das etwas von der Atmosphäre der Fremdheit vermittelt, in die die deutschen Emigranten geraten: „Mein Vater sagt: Ich und dies Land, das passt wie der Geier ins Taubennest.“ Die Schulepisode macht die strenge militärische Erziehung in der damaligen Türkei deutlich, und Zaimoglu lässt durch sie zugleich etwas von dem Nationalstolz der noch jungen Republik Kemal Atatürks erahnen. „Ich bin Türke, ich bin aufrichtig, ich bin fleißig“, paukt Wolf sich selbst ein, während die Grundschullehrerin unverhohlen droht: „Wer ausschert, wird von mir hart bestraft.“ Überraschend besichtigt der Schulleiter die Klasse und demütigt Wolf vor dessen Mitschülern. „Das ist die Schönschrift eines Mädchens“, sagt er und befindet, „dass dir der soldatische Ernst abgeht.“ Nur die Tatsache, dass seine Pflegemutter bei der Lehrerin vorspricht, kann den tief verletzten Wolf ein wenig versöhnen. Unter den Literaten, die ihre Texte vortragen, gehört Feridun Zaimoglu sicherlich zu den besseren Rezitatoren. Er liest mit Inbrunst, setzt spannungsfördernde Pausen und Akzente und macht in der Intonation Unterschiede zwischen den Sprechern. In der Diskussion mit dem Publikum ging der deutsche Schriftsteller türkischer Herkunft auch auf die gegenwärtigen Verhandlungen der Europäischen Union mit der Türkei ein. Dass die Türkei gegen Milliardenzahlungen die Flüchtlingsmassen von Europa fernhält, nannte er einen „Kuhhandel“. Dass Bundeskanzlerin Merkel den türkischen Präsidenten Erdogan hofiert, während Ministerpräsident Seehofer den russischen Präsidenten Putin aufsucht, erscheint ihm „wirklich schräg“. Und unmündig gehaltene Bürger vor vollendete Tatsachen zu stellen und dies als hohe Politik hinzustellen, findet er insgesamt „widerlich“. Der Schriftsteller ist eben ein Freund der klaren Worte.