Ludwigshafen Ein Blick hinter die Fassade
Das Theaterfestival „Schwindelfrei“, das gestern nach vier Tagen zu Ende gegangen ist, hat wieder großes Interesse gefunden. Alle fünf Durchgänge durch die beiden Parcours mit je drei kurzen Vorstellungen an unterschiedlichen Orten seien ausverkauft gewesen, gab Nicole Libnau, die Organisatorin vom Mannheimer Kulturamt, Auskunft. Thema des Festivals der freien Szene war in diesem Jahr „Privilegien“.
Zwischen den sechs Vorstellungen gab es vielfältige Bezüge: rassische zwischen Weiß und Schwarz, sexuelle zwischen Mann und Frau, soziale zwischen Arm und Reich. „Blackness – Statussymbol – Bürgerbühne“ hat die Kuratorin Sophia Stepf die drei Produktionen des ersten Parcours betitelt. Um Rassismus ging es in dem Tanzstück „Soft Variations“ der Finnin Sonya Lindfors, um das Auto als Statussymbol in der Inszenierung in einer Tiefgarage, und um Menschen am Rande der Gesellschaft in einer Inszenierung von Lea Aderjahn mit der Mannheimer Bürgerbühne (wir berichteten). „Gleichheit – Macht – Whiteness“ stand über den drei Vorstellungen des zweiten Parcours. Schon die Titel wiesen darauf hin, dass die Produktionen zueinander im Verhältnis von Gegensätzen und Ergänzungen stehen. Auf der ersten Station im Festivalzentrum Eintanzhaus entlarvten die Tänzerinnen Julie Pécard und Michelle Cheung aus Mannheim mit ihrer Produktion „Circo“ unsere auf Hochglanz getrimmte marktschreierische Jahrmarktsbudenkultur als Lug und Trug. Die beiden Tänzerinnen, zu denen noch der Tänzer Antoni Androulakis kam, wurden dirigiert von dem Schauspieler Oliver Jaksch, der locker flockig im Stil eines bemüht gute Laune verbreitenden Moderators einer TV-Game-Show auftrat. Aus dem Publikum kamen Begriffe, die die in unterschiedlichen Farben gekleideten Tänzer choreographisch umsetzen mussten. Mit gelben, blauen und grünen Fähnchen winkend, bestimmte das Publikum den Sieger. Das Lügengebäude bekam einen ersten Kratzer, als der Moderator Julie Pécard beiseite nahm und leise, aber autoritär zurechtwies. Das scheindemokratische Verfahren der Publikumsmitwirkung flog auf, als der Moderator offenbar nicht aus dem Publikum stammende Begriffe vorgab und die Tänzer aufforderte, einen hawaiianischen Affen zu machen. Michelle Cheung, mit einem Bananengürtel um die Hüften wie dereinst Josephine Baker, gewann die Runde, und das Spektakel glitt ins schmierig Sexuelle ab. Der Moderator ließ den Tänzer einen Lapdance auf Julie Pécards Schoß aufführen, führte sie anschließend am Publikum entlang und forderte einen Zuschauer wie ein Zuhälter auf, sie zu streicheln. (Der Angesprochene hatte Anstand und griff stattdessen demonstrativ zu seinem Getränk). Das Stück endete in Zank und Streit, die Tänzer hatten Lachmasken aufgesetzt, und der Moderator komplimentierte das Publikum hastig hinaus. Plakativer als in dieser Aufführung, die dazu aufforderte, hinter die Fassade zu schauen, ging es in der Performance „Race“ mit der Brasilianerin Anna Júlia Amaral und Nina Weber aus Weinheim zu. In einem weiß gestrichenen Raum in weißer Sportkleidung gingen die beiden bei Zeitraumexit gegen Rassismus an. Sie waren viel in Bewegung und oft aus der Puste. Aber ihre Botschaft übermittelten sie leider weniger durch ihr Spiel als durch Sätze, die über eine Übertitelungsanlage liefen und auch in einer soziologischen Abhandlung stehen könnten: „Rasse ist ein soziales Konstrukt, erfunden von Weißen, um Kolonialismus zu rechtfertigen.“ In „Unperforming“ der Iranerin Azade Shamiri schließlich dachte das Festival gleichsam über sich selbst nach. Die Performerin aus Teheran machte nämlich das Privileg, eine Performance zu geben, zum Thema und trieb, ebenfalls bei Zeitraumexit, ein raffiniertes Spiel mit Sehen und Gesehenwerden, mit Befehl und Gehorsam und den Machtverhältnissen zwischen Ausführenden und Publikum. Das rege Interesse an der sechsten Auflage des Festivals bewies, dass „Schwindelfrei“ sich etabliert hat.