Ludwigshafen
Ein Bild und seine Geschichte: Unterschlupf für gefiederte Mitbewohner
Naturschützer Klaus Eisele zeigt sich zunächst einmal zufrieden, denn in urbaner Umgebung finden Nischen- und Gebäudebrüter wie Mauersegler, Turmfalken oder Sperlinge kaum noch Brutplätze. Er setzt sich daher mit Leidenschaft seit Jahrzehnten unter anderem für den Gebäudenaturschutz ein: „In Ludwigshafen haben wir in unermüdlicher Arbeit über 3500 Nistmöglichkeiten an Gebäuden geschaffen. Den Brutraumverlust durch energetische Sanierungen können wir nur mit Partnern wie Vonovia ausgleichen, die auch im Nachgang zu Gebäudedämmungen die Anbringung von Nistkästen ermöglichen“, erläutert Eisele, Leiter der Naturschutzgruppe der Ornithologischen Beobachtungsstation Altrhein (Orbea). Gedacht sind die neuen Nistkästen im Dichterquartier für Mauersegler. Doch laut Eisele ist es durchaus normal, dass auch Meisen, Haussperlinge oder Baumhummeln die neuen Behausungen nutzen.
Passend zu den Bewohnern eines Mehrfamilienhauses müssen auch die Vögel zusammenrücken: Zwar wurden zwölf Nistgelegenheiten angebracht, allerdings sechs davon als Doppelnistkästen – die Doppelhaushälfte der Vogelwelt. Und immerhin will man damit den Mauersegler als Mieter gewinnen. Ein Vogel, den der Universalgelehrte Albertus Magnus im 13. Jahrhundert in seinem naturgeschichtlichen Werk „Über die Tiere“ folgendermaßen beschrieb: „Dieser Vogel habe keine Füße, krieche, wenn er auf die Erde gefallen sei, mit den Ellbogen seiner Flügel und auf der Brust wie eine Fledermaus.“
Wichtige Werkzeuge im Kampf um Brutplätze
Ganz falsch ist diese Beobachtung nicht, wenn Albertus auch, was das Fehlen der Füße betrifft, seinen Aristoteles nicht sehr aufmerksam gelesen hatte. Der antike Philosoph aus dem vierten Jahrhundert vor Christus weist ausdrücklich darauf hin, dass der Name des Vogels („Apus = der Fußlose“) nicht wörtlich zu nehmen sei, sondern im übertragenen Sinn auf die „schlechten“ Füße des Vogels hinweise. So sieht es auch der Römer Plinius der Ältere, wenn er schreibt, die Apodes könnten ihre Füße nicht gebrauchen: „Die übrigen Vogelarten setzen sich oder stehen; diese dagegen haben nur Ruhe im Nest: Entweder schweben sie in der Luft oder sie liegen.“
Dabei lagen die beiden Gelehrten nicht ganz richtig, denn die Mauersegler können ihre Füße durchaus gebrauchen, wenn auch nicht zum Stehen oder Laufen. Vielmehr bilden sie im Kampf mit Brutplatzkonkurrenten mit ihren scharfen Krallen, die alle nach vorne gerichtet sind, eine sehr wirksame Waffe. In der älteren Vogelliteratur werden viele gewaltsame Hausbesetzungen des Mauerseglers ausführlich geschildert.
Und dann gibt es da noch das andere Missverständnis, an dem vielleicht der Staufer-Kaiser Friedrich II. nicht ganz unschuldig ist. Der hatte den Mauersegler nämlich so beschrieben: „Er ist der größte und schwärzeste unter allen Schwalben.“ Dabei ist der Mauersegler nur schwalbenähnlich, jedoch etwas größer als die europäischen Schwalben. Er gehört – im Gegensatz zu den Mitvögeln – zur Familie der Segler, die zwar den Schwalben ähneln, aber nicht mit ihnen verwandt sind.
Teufelsvögel oder Glücksbringer?
Ob sich die Vögel in der neuen Nachbarschaft in Ludwigshafen Freunde machen werden? Immerhin gelten Mauersegler als „äußerst ruffreudig“. Zumindest die Dachbewohner in der Richard-Dehmel-Straße werden eventuell nach dem Neubezug der Nistkästen davon berichten können.
In der Mystik haben es die Mauersegler übrigens nicht weit gebracht, obwohl sie in Mitteleuropa schon länger zuhause sind. In einigen Gegenden Englands haben sie aufgrund ihres schwarzen Gefieders den Ruf als „Teufelsvögel“. In Tirol gelten sie hingegen als Glücksbringer und auch in Deutschland schlüpften sie schließlich in diese Rolle, die ursprünglich den Rauch- und Mehlschwalben zugedacht war. In einem ist man sich immerhin einig. Der Römer Plinius empfahl gegen Bauchgrimmen den Genuss von in Wein eingelegten Mauerseglern. Dafür wurden die Nisthöhlen in der Richard-Dehmel-Straße aber ganz sicher nicht angebracht.