Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Bild und seine Geschichte: Osterhase statt Christkind in Rheingönheimer Geschäft

Osterdekoration in Hülle und Fülle sowie in unterschiedlichster Größe – RHEINPFALZ-Leserin Gabriele Lehnert staunte bei diesem A
Osterdekoration in Hülle und Fülle sowie in unterschiedlichster Größe – RHEINPFALZ-Leserin Gabriele Lehnert staunte bei diesem Anblick in einem Bekleidungsdiscounter nicht schlecht.

„Ein jegliches hat seine Zeit“, heißt es im Alten Testament. In einem Ludwigshafener Geschäft sind diese Zeiten offensichtlich durcheinandergeraten.

Ja haben wir denn noch Weihnachten? Angelehnt an den kultigen Werbespot des verstorbenen Fußball-„Kaisers“ Franz Beckenbauer: RHEINPFALZ-Leserin Gabriele Lehnert staunte nicht schlecht, als sie vor Kurzem die Filiale eines Bekleidungsdiscounters in Rheingönheim betrat. Anstelle von roten Plüschnikoläusen, stimmungsvollem Baum- und Zimmerschmuck sowie mehr oder weniger geschmackvoller Beleuchtungsartikel für die dunkle Jahreszeit traf sie auf Osterhasen in Hülle und Fülle sowie unterschiedlichster Größe, und das wenige Tage vor Heiligabend. Meister Lampe statt Christkind und Weihnachtsmann.

„Ich wollte mir noch ein paar Sachen für die Weihnachtsdekoration besorgen. Aber die war schon so gut wie abgeräumt“, berichtet Lehnert im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Die Rückfrage bei einer Angestellten brachte Gewissheit: „Das war kein Versehen. Das war eine Anordnung des Managements.“

Antizyklisches im Handel

Dort scheint man die Worte der Bibel nicht zu sehr verinnerlicht zu haben, nach denen „alles Vornehme unter dem Himmel“ seine Stunde hat. „Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Steine zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.“ So heißt es im Buch der Prediger 3, 1-8. Eine Zeit, die offensichtlich so sehr aus den Fugen geraten ist, dass sie sich selbst zu überholen droht, wenn die Osterdeko schon unter dem Christbaum hervorscheint.

Nun ist Antizyklisches im Handel durchaus nichts ungewöhnliches. In der Textilbranche wartet in den Lagern längst die Frühjahrs- und sogar die Sommermode darauf, den Platz der aktuellen Winterbekleidung einzunehmen. Schließlich wollen Modebewusste schon mit den ersten Sonnenstrahlen glänzen. Und auch in Sachen Dekoration baut zumindest der Großhandel offenbar gerne vor. Wer seine Schaufenster und Verkaufsflächen pünktlich zur Saison entsprechend ausstaffieren möchte, der kann nicht erst an Gründonnerstag die entsprechende Ausstattung ordern. Soweit, so logisch.

Zeitgemäße Ausstattung

Doch ein Textildiscounter in Rheingönheim ist nicht gerade als Schmelztiegel internationaler Dekorationsfachleute verrufen, und es kümmert sich auch kein „Team Interior Design“ wie im Londoner Nobelkaufhaus Harrods oder ein „Decoration Departement“ wie in der Galeries Lafayette in Paris um die zeitgemäße Ausstattung.

Ganz so weit will RHEINPFALZ-Leserin Lehnert auch gar nicht gehen. Ihr kommt es vielmehr auf die richtige Zeitfolge an. „Kann man denn nicht wenigstens erst einmal Weihnachten feiern, ehe man bis Ostern weiterdenkt?“, fragt sie. Zumal davor ja auch noch der Valentinstag und die Fasnachtsdekoration kommen. Aber letztlich sind die vorgezogenen Osterhasen auch nur ein Zeichen der Zeit, in der sich die Uhr immer schneller zu drehen scheint.

Ein neues Phänomen ist das im Übrigen nicht. Der englische Schriftsteller George Orwell („Farm der Tiere“) hat bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hektik seiner Zeitgenossen kritisiert: „Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.“ So eilig, dass in Rheingönheim bereits Ende Dezember fast schon Ostern ist.

x