Die reportage aus der Stadt RHEINPFALZ Plus Artikel Ein altes Klavier sorgt für magische Momente am Rhein

Die Tasten sind schepp: Ibrahim Tekim entlockt dem Klavier Töne, sein Kumpel Leon Eppel amüsiert sich.
Die Tasten sind schepp: Ibrahim Tekim entlockt dem Klavier Töne, sein Kumpel Leon Eppel amüsiert sich.

Auf dem Platz der Deutschen Einheit steht ein Klavier. Jeder darf darauf spielen. Egal was. Doch bei Gewittern hat das Piano Schaden genommen. Es ist schwer, dem Instrument ein paar Töne zu entlocken. Ersatz soll nun so bald wie möglich kommen. Denn hinter der Aktion steckt ein engagiertes Team mit einem großen Plan.

„Spiel mich!“, hat jemand mit Edding aufs Klavier geschrieben. Aber niemand fühlt sich gerade angesprochen, der Aufforderung Folge zu leisten. Mal bekommt das Klavier einen dezenten Seitenblick im Vorbeigehen geschenkt. Mal bleibt ein Passant stehen, um ein Foto zu machen. Ist ja schon ungewöhnlich, so ein altes Klavier unter freiem Himmel. Wer das hier wohl hingestellt hat?

Ein Mädchen mit langen, schwarzen Haaren fährt auf Rollerblades ans Klavier. Zehn, vielleicht elf Jahre alt mag die junge Künstlerin sein, die sich mit kerzengeradem Rücken auf den Betonquader vor dem wettergegerbten Holzkasten setzt und mit sanftem Fingerdruck versucht, beidhändig eine Melodie anzustimmen. Doch außer dem Rauschen des Rheins und dem Wind bleibt es still. Behutsam schließt das Mädchen die Tastenklappe und fährt mit einem Kopfschütteln zu ihrem Vater, der den Donnerstagnachmittag auf den Stufen zum Rhein genießt.

Ibrahim schafft es

Eine Viertelstunde später kommt Ibrahim Tekim. Von allen Seiten begutachtet der 16-Jährige aus dem Stadtteil Süd das Instrument. Dann verschwindet er wieder, um mit seinem Freund Leon Eppel (17) zurückzukehren. Der hat sein Handy filmbereit, derweil Ibrahim sich an die Tasten setzt. Doch Ibrahims Fingerspiel bleibt stumme Gebärde. Auch wenn er die Pedale tritt – nur dumpfe Töne wollen die Tiefen des Resonanzraums verlassen. Nasses Filz klatscht vereinzelt auf die rostigen Saiten, dissonant und ganz weit weg.

Schief und schepp hängen die aufgequollenen Tasten. Der Lack ist an einigen Stellen abgeplatzt. „Die meisten bleiben gar nicht mehr oben“, sagt Ibrahim, als er seine Finger hebt. Tatsächlich sinkt eine Taste wieder schlaff nach unten. Klang wie Optik führen Leon zur eindeutigen Diagnose: „Da hat’s wohl reingeregnet“.

Ibrahim hätte das Piano gerne zum Leben erweckt. „Ein Freund hat mir erzählt, dass hier ein Klavier steht, deshalb sind wir hergekommen“, erzählt er. Seit einem halben Jahr besucht er die „Piano-Schule“ der Städtischen Musikschule. „Zu Hause habe ich ein E-Piano“, ergänzt er, um es doch noch mal beidhändig mit dem nassen Gehölz aufzunehmen. Und tatsächlich: Mit Konzentration, Kraft und Ausdauer beschwört Ibrahim das Tastenelend, die Erkennungsmelodie des Computerspiels „Minecraft“ preiszugeben. „Ob das wieder hergerichtet wird?“, hofft Ibrahim, denn so ein Klavier unter freiem Himmel ist für ihn eine „tolle Idee“.

Harte Tagen für alten Kasten

Schutzfolien flattern im Wind – bis zwei Frauen vor dem Klavier von ihren Fahrrädern steigen. Sie inspizieren auch sein Inneres, bevor sie die Folien einfangen und sie dem Wrack überstülpen. Als Beatrice und Tatti vom „Cinema Paradiso & Arte-Team“ stellen sich die beiden vor und erzählen, wie das Klavier am 6. Juni an den Rhein gelangte: In den Räumen des Hemshofer „Cinema Paradiso & Arte“ finden kulturelle Veranstaltungen von Tangoabend über Ausstellungen bis hin zur Electro-Disco statt. Dort steht auch ein Flügel, der von dem Mannheimer Klavierbauer Waldemar Lutz betreut wird. Er bekomme immer wieder Klaviere aus Haushaltsauflösungen geschenkt und habe auch dieses spendiert. „Es ist 140 Jahre alt“, betont Beatrice: „Fast so alt wie Ludwigshafen.“ Das „Cinema Paradiso“ wolle mit dem Klavier zeigen, dass „aus einer alten Kiste noch Musik zu holen“ sei, erläutert sie weiter.

Doch die Regengüsse am Dienstag und Mittwoch müssen die härtesten aller Tage für den betagten Klimperkasten gewesen sein. „Vor drei Tagen war es noch bespielbar“, versichert Beatrice. Mal seien es „Jungs aus der Gegend“, mal komme sie selbst, um das Instrument gegen 23 Uhr abzudecken. Das Cinema-Paradiso-Team hatte dem Klavier am Rhein eine längere Lebenszeit zugetraut. Das Piano sollte der Prototyp sein, weitere Klaviere im öffentlichen Raum – etwa in Parks – sollten folgen. „Das Klavier ist für alle da“, betont sie. „Es ist immer Publikum vorhanden und die Leute halten automatisch Abstand“, zeigt sie auf die Stufenbänke, die vom Platz zum Rheinufer führen.

Nachfolger mit Wetterschutz

„Das Klavier erreicht leider noch nicht die ganze Bevölkerung“, hat Beatrice festgestellt. Dennoch hätten schon einige Künstler wie Laien in die Tasten gegriffen. Ein Junge im Hip-Hop-Look etwa habe vor ein paar Tagen die Umherstehenden mit Beethovens „Für Elise“ verblüfft. „Es muss keine Klassik, kein Chopin gespielt werden“, will Beatrice Berührungsängste nehmen. Der jetzige Zustand des Klaviers gibt ihr zu denken: „Die Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass man ihnen etwas schenkt“, erklärt sie sich, dass niemand den Kasten vor dem Unwetter gerettet hat. Klavierbauer Lutz sei schon auf Suche nach Ersatz für das Regenopfer. Für das Folgeklavier habe das Team eine wetterfeste Verkleidung aus Acryl samt Dach geplant, erzählt sie. Doch die Anlieferung verzögere sich durch die Corona-Krise. Das Paradiso-Team will so bald wie möglich am Rhein wieder für Zauber sorgen: „Jedes Mal, wenn sich jemand hinsetzt und spielt, entsteht ein magischer Moment“, sagt Beatrice.

Bevor der nächste Schauer kommt: Tatti (links) zieht mit Beatrice dem Klavier eine Schutzplane über.
Bevor der nächste Schauer kommt: Tatti (links) zieht mit Beatrice dem Klavier eine Schutzplane über.
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