Ludwigshafen
Ein Klavier für alle an der Rhein-Galerie
Was für eine herrliche Bühne bietet die Promenade hier! Dem Mannheimer Pianisten Niklas Blumenthaler hat das Publikum in der Zwangspause gefehlt, dafür konnte der 27-Jährige komponieren und hat ein neues Stück nun mit an den Rhein gebracht. Zart gewebte Strukturen, klar und freundlich perlend sind Balsam für die kulturentwöhnte Seele. Manche sage ihm, seine Kompositionen würden an den Minimalismus eines Ludovico Einaudi oder Jan Tiersen erinnern. Hier im früheren Hafengebiet neben dem Konsumtempel würde man diese nachdenklichen Klänge nicht erwarten. Zwei Jungs mit coolen Kappen, die genüsslich Crêpes zu essen, beäugen den Pianisten. Im Hip-Hop dürften sie mehr zu Hause sein, aber falsch gedacht. „Ich kann auch spielen“, sagt einer der beiden leise und wendet sich forsch an Niklas Blumenthaler. „Ey, ist das dein Klavier?“ Der räumt seinen Platz, und in der Tat lässt der Halbstarke nun „Für Elise“ von Richard Clayderman erkennen. „Hee, die Taste ist ja kaputt!“ Zwei Tasten seien blind, also nur noch leise anschlagend, bemerken die Klavierspieler.
„Es ist eine Tragödie!“
Das Instrument ist vom Mannheimer Klavierbauer Waldemar Lutz spendiert worden, der Klaviere aus Haushaltsauflösungen geschenkt bekommt, sie restauriert und stimmt. „Es ist eine Tragödie“, erzählt er auf Nachfrage. „Überall werden Klaviere ausgemustert und sollen weg, aus Kindergärten, aus Kirchen. Die Leute wollen lieber E-Pianos, die in China hergestellt werden und nach zehn Jahren schon wieder kaputt sind. Dabei klingt ein Klavier immer besser als ein E-Piano.“ Mit dem Open-Air-Instrument will er die Menschen mit dem Klang wieder vertraut machen und für die Schönheit des Klavierspiels werben. In vielen Städten gebe es bereits Straßenklaviere, sagt er, schwer sei nur, einen Platz zu finden und eine Genehmigung zum Aufstellen zu bekommen.
Was alles möglich ist
Darum hat sich Beatrice D'Angelo gekümmert, die in ihre Räume des Cinema Paradiso & Arte im Hemshof zu kulturellen Veranstaltungen jeglicher Couleur einlädt, von Hardrock über Tango, klassische Musik bis hin zu Bildender Kunst. Weil dort Flügel stehen, die von der Firma Lutz „betreut“ werden, kannte man sich, und als Beatrice D’Angelo in Israel erlebte, wie fröhlich die Musik der Open-Air-Klaviere die Menschen in den Straßen stimmt, wollte sie welche den Ludwigshafenern schenken. Gerade jetzt. „Nach Corona müssen die Leute merken, dass alles möglich ist“, sagt die Kulturengagierte. Hier am Fluss sei einer der schönsten Orte in Ludwigshafen, „fast wie eine Bühne“.
Doch möglicherweise zieht das Klavier noch unters Dach oder neben den Eingang der Galerie, um geschützter zu stehen. Paten sollen gefunden werden, die ein Auge darauf haben und es bei Regen mit einer Plane abdecken, denn bei Wasser quillen die Tasten auf, doch ansonsten könne es jahrein, jahraus draußen überleben, meint Klavierbauer Lutz. Vandalismus befürchtet der Klavierstimmer übrigens nicht. „Vor dem Instrument haben die meisten Leute Respekt und klimpern darauf ein bisschen herum oder dürfen auch mal Krach machen.“ Das Flussklavier sehen die Initiatoren als Prototyp: Wenn es gut angenommen wird, folgt ein zweites bei der Stadtbibliothek oder auf dem Lutherplatz.
Derweil wird es nostalgisch am Rhein; eine Frau lässt nun ihre Hände über die regenfeuchten Tasten fliegen, und der Jazz-Standard „Autumn Leaves“ verleiht den sich türmenden Wolken des Sommergewitters etwas Filmreifes.