Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Drei Jahre Krieg: Wie zwei Jugendliche aus der Ukraine ihren Weg gehen

Solche Kriegsbilder gehen seit drei Jahren durch die Medien: Auf diesem vom Pressedienst des Innenministeriums der Volksrepublik
Solche Kriegsbilder gehen seit drei Jahren durch die Medien: Auf diesem vom Pressedienst des Innenministeriums der Volksrepublik Donezk veröffentlichen Foto steigt Rauch vom Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf.

Valeriia und Oleksandr wurden durch den Krieg in der Ukraine aus ihrem Alltag gerissen. In Mannheim und Leimen fanden sie Zuflucht und gehen sie jetzt ihre eigenen Wege.

Ganz egal, wann oder wie der Ukraine-Krieg einmal endet. Durch das Leben von 40 Millionen Menschen hat er einen irreversiblen Riss gezogen. Valeriia Hryhorova und Oleksandr Chebykin waren noch Kinder, als sie im Frühjahr 2022 nach Deutschland flüchteten. Aus ein paar Wochen wurden drei Jahre, mittlerweile gehören sie zu den besten Schülern ihrer Klasse und werden durch ein Stipendium gefördert. Beim Blick in die Zukunft aber holt sie immer die Vergangenheit und Gegenwart ihrer Heimat ein.

Der 15-jährige Oleksandr Chebykin ist in Mariupol aufgewachsen. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine am Donnerstag, 24. Februar 2022, wurde die Hafenstadt zum Ort des Schreckens. Mit zehntausenden Toten und Vertriebenen, zerstörten Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten, Kirchen und Wohnhäusern. Als Zwölfjähriger kam er im März 2022 nach Leimen. Nun dolmetscht er für Neuzugewanderte aus der Ukraine und erfährt dank des Stipendiums „Talent im Land“ eine finanzielle und pädagogische Unterstützung.

Oleksandr kam vor drei Jahren nach Deutschland. Er ist in Mariupol aufgewachsen.
Oleksandr kam vor drei Jahren nach Deutschland. Er ist in Mariupol aufgewachsen.

Mit ihrer Mutter floh sie aus Charkiw

Wie auch Valeriia Hryhorova, die als Teenager ihre Freunde, ihre Heimat, ihr Leben zurücklassen musste. Mit ihrer Mutter floh sie aus Charkiw. Mit dem Zug zunächst nach Polen und dann weiter nach Deutschland. „Wir wollten nur ein paar Wochen abwarten und dann wieder zurückkommen. Aber der Krieg hat nicht aufgehört“, erinnert sie sich. Charkiw – mit rund einer Million Einwohnern nach Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine – liegt direkt an der Grenze zu Russland. Seit nun drei Jahren sind die Bewohner Luftangriffen und Bombardements ausgesetzt, wurden ganze Wohngebiete zerstört.

Als Valeriia im Frühjahr 2022 zunächst auf eine Gemeinschaftsschule kam, wollte sie gar nicht mehr weg. „Sie gehört aufs Gymnasium!“, war jedoch die einhellige Einschätzung ihrer Lehrer. Aber das junge Mädchen aus der Ukraine wollte nicht schon wieder Veränderungen. „Ich hatte Angst, da sich in meinem Leben schon so viel verändert und ich gerade neue Freunde gefunden hatte“, sagt sie nun, fast drei Jahre später, mit gefestigter Stimme.

Die heute 15-jährige Valeriia floh aus Charkiw nach Deutschland.
Die heute 15-jährige Valeriia floh aus Charkiw nach Deutschland.

Verstreut über Europa und die USA

Die 15-Jährige klingt selbstbewusst. Wie eine junge Frau, die weiß, was sie will, aber auch, dass sich alles auf einen Schlag ändern kann. „Die Situation in Charkiw war von Anfang an ganz schlimm. Und es ist nach wie vor keine sichere Stadt“, sagt sie. Sie hält Kontakt mit ihren einstigen Mitschülern, viele ihrer Freunde leben nun mittlerweile in Europa und den USA zerstreut. Manche aber kamen auch zurück, aufgrund der Luftangriffe wurden in ihrer Heimatstadt U-Bahn-Stationen zu Klassenräumen.

Auf digitalen Wegen absolvierte Valeriia parallel zum deutschen Unterricht auch einen ukrainischen Schulabschluss, der mit der Mittleren Reife zu vergleichen ist. Gerne würde sie ihre Familie und ihre Freunde in Charkiw wiedersehen. „Aber ich glaube nicht, dass ich bald nach Hause gehen kann“, sagt sie. „Obwohl in meinem Kopf die Bilder von meinem Zuhause sind, ist dieser Ort nicht mehr so, wie er einmal war. Alles hat sich verändert. Zu denken, dort später zu studieren, zu leben und zu arbeiten, ergibt im Moment keinen Sinn.“

Gefühle werden in der Muttersprache ausgedrückt

So ergeht es auch Oleksandr. Der Krieg tobt weiter im Osten der Ukraine, der Wiederaufbau des völlig zerstörten Mariupol liegt derzeit in russischen Händen. Eine Rückkehr scheint ausgeschlossen. Was ihm ein wenig hilft, die Verluste und das Erlebte zu verarbeiten, ist die Kunst. „Das Malen mit Ölfarben ist ein wichtiges Hobby für mich, das es mir ermöglicht, mich zu entspannen, Gedanken auszudrücken und einfach die Zeit auf der Leinwand einzufrieren“, verrät er.

Das Stipendium mit regelmäßigen Seminaren ist für die beiden jungen Ukrainer nun auch eine Chance, Schüler in ähnlichen Situationen, die aus der Türkei, Afghanistan oder Syrien kommen, aber auch die deutsche Jugend besser kennenzulernen. Bislang sei neben der Schule der Sport die beste Option, um Anschluss zu finden. „Aber wenn man fremd ist in einem Land, ist es nicht so einfach“, sagt Valeriia. „Ich wusste nicht, was junge Leute in Deutschland so machen. Wo findet man Anschluss, wo geht man hin?“ Sie erhofft sich durch den intensiven Kontakt einen Zugang zur deutschen Lebenskultur. Ihre Kurzgeschichten aber schreibe sie hingegen weiter auf Ukrainisch und auch auf Russisch, ihren beiden Muttersprachen. „Meine Gefühle auszudrücken, fällt mir in diesen Sprachen immer noch leichter“, erklärt sie in einem nahezu akzentfreien Deutsch.

Info

Mit „Talent im Land“ fördert die Baden-Württemberg-Stiftung junge Schüler auf dem Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife. Finanzielle Unterstützung, ein begleitendes Seminarprogramm und individuelle Beratung helfen den Jugendlichen dabei, die eigenen Begabungen zu entfalten und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

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