Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Digitale Gewalt: Großer Beratungsbedarf vor allem an Schulen

SoliNet fungiert als zentrale Informations- und Beratungsstelle für Betroffene von digitalem Hass und Gewalt in Rheinland-Pfalz
SoliNet fungiert als zentrale Informations- und Beratungsstelle für Betroffene von digitalem Hass und Gewalt in Rheinland-Pfalz und wird vom Landesfamilienministerium gefördert.

Hassnachrichten und Belästigungen im digitalen Raum nehmen zu – und betreffen oftmals Frauen, häufig auch schon Kinder. Im Netz äußern sich viele deshalb längst nicht mehr authentisch, in Schulen besteht ein enormer Beratungsbedarf zum Thema digitale Gewalt. Doch auch die Beratungsstellen stehen vor großen Aufgaben.

Hass, der das Ziel hat, bestimmte Personen oder Personengruppen herabzusetzen und zu verunglimpfen: Im Englischen gibt es dafür den Begriff „Hate Speech“, die dahinterstehende Menschenfeindlichkeit, die in der digitalen Welt besonders ungefiltert zum Ausdruck kommt, hat enorme Auswirkungen auf unsere demokratische Gesellschaft.

„Ich habe aus Sorge vor Hassreden schon einmal darauf verzichtet, einen Beitrag zu posten oder Beiträge bewusst vorsichtiger formuliert.“ Dieser Aussage stimmten im Jahr 2020 bei einer Bevölkerungsumfrage 68 Prozent derjenigen zu, die bereits von „Hate Speech“ betroffen waren. Doch auch jene, die im Netz noch nie das Ziel von Hassbotschaften waren, ziehen sich zurück: 37 Prozent von ihnen haben quasi vorsorglich und aus Angst persönliche Beiträge schon einmal vorsichtiger formuliert. Zwei Jahre später – so zeigt es eine erneute Umfrage der Forschungsgruppe gdp aus dem Jahr 2022 – sind diese Werte nochmals gestiegen: Demzufolge schränkten sich 73 Prozent der bereits von Hassreden Betroffenen bei eigenen Kommentaren im Netz ein, 43 Prozent waren es bei den bislang Nicht-Betroffenen.

Angst, Depression, Scham

Insgesamt ist die „Hate Speech“ allerdings nur eine von zahlreichen Formen digitaler Gewalt. Auch Cybermobbing, digitale Überwachung, Identitätsdiebstahl oder bildbezogene sexualisierte Gewalt sind an dieser Stelle zu nennen, erklären zwei Vertreterinnen von SoliNet, der zentralen Informations- und Beratungsstelle für Betroffene von digitalem Hass und Gewalt in Rheinland-Pfalz. Die beiden jungen Frauen – aus Sicherheitsgründen möchten sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen – sind am Donnerstag für einen Vortrag auf die gemeinsame Jahrestagung der Regionalen Runden Tische und Arbeitskreise „Gewalt gegen Frauen“ des Rhein-Pfalz-Kreises, der Städte Ludwigshafen, Frankenthal und Speyer eingeladen worden.

„Die bisher Jüngste, die sich gemeinsam mit ihren Eltern an uns gewandt hat, war zwölf Jahre alt, die Älteste über 60 Jahre“, berichtet SoliNet den hiesigen Vertreterinnen von Frauenhäusern, des Frauennotrufs, der Staatsanwaltschaft, der Polizei oder auch des Kinderschutzdienstes. Klar aufgezeigt werden von SoliNet in diesem Zusammenhang, die enormen Auswirkungen, die digitale Gewalt für die Opfer hat – sie können von Angst, Depressionen, Scham, Kontrollverlust bis hin zu Suizid(gedanken) geplagt werden.

Mit Jugendlichen ins Netz

Vor welchen Herausforderungen und Bedarfen bei diesem Thema die Beratungsstellen in der Region stehen, erläuterte Nina Lindermaier vom Frauennotruf Speyer. „Wir werden zum Thema digitale Gewalt zum Beispiel überrannt von Anfragen aus den Schulen und kommen an dieser Stelle überhaupt nicht hinterher.“ Jugendliche müssten aber lernen, dass zum Beispiel ein Hasskommentar nichts Individuelles, sondern etwas sehr Organisiertes ist. „Über 90 Prozent der Kommentare kommen von nur wenigen Personen – weil diese teils 20 unterschiedliche Profile besitzen, über die sie im Netz ,Hate Speech’ ankurbeln“, betont Lindermaier.

Tatsächlich seien die meisten Täter in der Altersgruppe der über 40-Jährigen zu finden, berichten die Vertreterinnen von SoliNet. „Aber Jugendliche in der Identitätsfindung suchen Vorbilder“ – der Einfluss derjenigen, die im Internet zum Beispiel Antifeminismus oder toxische Männlichkeit propagieren, finde so in allen Altersschichten statt. „Insbesondere in den Schulen müssten deutlich mehr Räume geöffnet werden, in denen wir Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam mit ihnen im Netz unterwegs sind“, fordern auch die SoliNet-Mitarbeiterinnen.

Netzwerktreffen im Ludwigshafener Kreishaus.
Netzwerktreffen im Ludwigshafener Kreishaus.

Wie groß allerdings gerade die Herausforderungen in Sachen technischer Kompetenz bei vielen Erwachsenen sind, zeigen die Äußerungen von Vertreterinnen der Frauenhäuser. Oft fühle man sich hilflos, wenn Frauen sagten, dass sie Angst vor einer Spionage-App auf dem Handy oder GPS-Tracking haben. „Mitarbeiter in der sozialen Arbeit haben ja keine IT-Ausbildung, wir sind da einfach keine Experten“, heißt es gleich mehrfach. „Zu wem kann ich gehen und mein Handy checken lassen?“, sei deshalb eine der am häufigsten gestellten Fragen. Anlaufstellen dieser Art würden dringend benötigt.

Angst vorm „Shit-Storm“

Und doch ist es längst nicht nur die individuelle Ebene, auf der digitale Gewalt enorme Spuren hinterlässt. Auch für die Gesamtgesellschaft hat sie Auswirkungen von einer Tragweite, die kaum zu unterschätzen ist. Weil viele Menschen aus Angst vor Beleidigungen oder einem sogenannten Shit-Storm verstummen oder sich nicht mehr so äußern, wie sie es gerne tun würden, seien eine verringerte Meinungsvielfalt, Diskursverzerrungen, die Spaltung der Gemeinschaft und am Ende gar die Gefährdung demokratischer Werte die Folge, zeigt SoliNet auf.

„Auch wir als Beratungsinstitutionen müssen unser Schweigen brechen – für einen respektvollen Umgang miteinander und für die Demokratie“, fordert deshalb Mareike Ott vom Verein Wildwasser und Notruf Ludwigshafen, einer Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen. Sich digital breit aufzustellen und auf den entsprechend Kanälen zu agieren, sei im Berufsalltag jedoch nur schwer möglich. Das Bewusstsein für das Thema digitale Gewalt sei zwar groß – der Mangel an Zeit und Geld, um umfassend reagieren zu können, allerdings ebenso.

Noch Fragen?

Bei SoliNet erhalten Betroffene von Hate Speech und digitaler Gewalt Unterstützung bei Beweissicherung oder strafrechtlicher Verfolgung von Hass im Netz sowie Tipps zur digitalen Sicherheit. Mehr Infos unter www.solinet-rlp.de. Eine von SoliNet empfohlene Meldestelle gegen Hetze im Netz ist unter anderem „Respect“, erreichbar über die Seite www.meldestelle-respect.de.

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