Mein leben
Die Verwandlung
„Dieser extrem fette Kerl im Spiegel und auf Bildern – das bist nicht du.“ Fast 230 Kilogramm ist David Schwarzendahl schwer, als er erkennt, dass sich etwas ändern, dass er sich ändern muss. Und will. Zu diesem Zeitpunkt kurz nach der Landtagswahl 2021, bei der Schwarzendahl als Spitzenkandidat der Linken antritt, hat er einiges hinter sich: Probleme mit den Nieren, Diabetes und jede Menge Diäten.
Nichts von dem, was der Enddreißiger da schon seit Jahren an Einschränkung und Demütigung erlebt, bremst seinen Appetit. Dicken Menschen wird es sehr leicht gemacht, ihren ungesunden Lebensstil zu pflegen: Essen jederzeit nach Hause liefern lassen – kein Ding. Kleidung bis Größe 10XL im Internet bestellen – kein Thema. „Wenn du nicht willst, musst du die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen“, sagt Schwarzendahl.
Stühle oft zu wacklig
So weit kommt es bei ihm nicht: Als Musiker in mehreren Bands, als Kommunalpolitiker, als Wahlkreis-Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Alexander Ulrich und – nicht zuletzt – als Vater ist David Schwarzendahl ständig unterwegs. Und muss doch immer wieder erkennen, dass ihm seine Fülle das Leben im wahrsten Wortsinn schwermacht. Besuche in Freizeitparks sind sinnlos – viele der Attraktionen dort dürfte er nicht nutzen. Stühle beispielsweise in Restaurants sind oft zu klein und wacklig – aus Angst, dass sie zusammenbrechen, sitzt Schwarzendahl auf der Kante.
Er hat sich mit dieser Situation, die längst negativ auf soziale Kontakte ausstrahlt, arrangiert. Glücklich ist er nicht. Wie er bei 1,86 Meter Größe zu einem Vier-Zentner-Mann geworden ist, dafür macht Schwarzendahl niemand anderen als sich selbst verantwortlich. „Ich hatte immer Hunger. Ich habe immer supergern gegessen. Und so habe ich mich kugelrund gefuttert.“ Mit dem Magen wächst der Hunger. Ein Teufelskreis.
Als er im Frühjahr 2021 von einem Bekannten erfährt, der innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit von 240 auf 80 Kilo geschrumpft ist, kommt für David Schwarzendahl eine neue Option ins Spiel. Der Freund hat sich den Magen operativ verkleinern lassen. Wäre das nicht auch was für ihn? Schwarzendahl informiert sich beim Adipositaszentrum Rhein-Neckar, bekommt den Termin für die sogenannte Erstberatung und muss zunächst erkennen: „Ich habe mir das alles viel einfacher vorgestellt.“
Die OP ist keine Schlankheitskur auf Bestellung. Bis das Team um Professor Mirko Otto am Uniklinikum Mannheim zum Skalpell greift, sollen Kandidaten sich der Tragweite des Eingriffs bewusst sein. David Schwarzendahl macht sich auf den Weg, führt Bewegungstagebuch, befolgt einen Diätplan, geht zur Ernährungsberatung, redet mit Psychologen und nimmt an Treffen einer Selbsthilfegruppe teil. „Richtig aufwendig“ sei das gewesen, erinnert er sich. Schwarzendahl bekommt das Gespräch mit dem Chirurgen und kurz darauf einen OP-Termin am 28. April dieses Jahres.
Die knapp 50 Minuten im OP-Saal sind – nun ja – ein Einschnitt. Per Schlüsselloch-Methode verkleinern die Ärzte den Magen zu einer sogenannten Pouch: von drei Liter Volumen im Falle Schwarzendahls auf 120 Milliliter. Diese Tasche schließen die Operateure am Dünndarm an. Der Effekt: Patienten mit dem Roux-Y-Magenbypass, wie die Operation vollständig heißt, können nur noch kleine Portionen zu sich nehmen – drei bis vier Mal täglich, davon ein Viertel Eiweiß. „Damit beim Abnehmen die Muskeln erhalten bleiben“, erklärt der 39-Jährige.
Nur die Schulter schmerzt
David Schwarzendahl verliert seitdem Pfund um Pfund – 80 Kilogramm, sechs Kleidergrößen sind es bis Weihnachten gewesen, schätzt er. Und diese Verwandlung vollzieht sich öffentlich: Schwarzendahl dokumentiert sie über eine App und publiziert die Ergebnisse in den sozialen Netzwerken. Die dort geposteten Vorher-Nachher-Bilder verdeutlichen mehr als eindrücklich, was mit dem Mann gerade passiert. Und wie er sich freut, nach 15 Jahren wieder in ein normales Kleidergeschäft zu marschieren. Um eine Badehose für den Sommerurlaub zu kaufen. Oder wie es sich anfühlt, das erste Mal wieder Achterbahn fahren zu können.
Dass David Schwarzendahl vor seinem 40. Geburtstag im kommenden Jahr die Kurve bekommen hat, ist sein Glück: Anders als viele Übergewichtige hat sein Knochenapparat vom Rumschleppen der vielen Kilos keine irreparablen Schäden abbekommen. Er vermutet, ohne den Sport in seiner Jugend wären seine Gelenke jetzt kaputt. Aber so: „Kein Knieverschleiß, gar nichts. Nur ein bisschen Ärger mit der Schulter, aber der kommt vom Trommeln“, sagt der passionierte Schlagzeuger.
Die reine Freude ist der rasante Gewichtsverlust nicht an allen Tagen. „Es gibt die Momente, in denen man mal müde und down ist“, sagt Schwarzendahl. Dann sind da Nächte, in denen er schweißgebadet aufwacht. Eine nervige Begleiterscheinung: Weil er sich für einen Mann seiner Größe im permanenten Kaloriendefizit bewegt, ist ihm ständig kalt. Beim Gespräch im angenehm warmen Zimmer lässt er die Winterjacke lieber an.
Mittags gibt’s Suppe
Der Speisezettel im Hause Schwarzendahl ist zwar gesünder, aber eben auch etwas eintöniger geworden. „Nicht zu süß, nicht zu salzig, nicht zu scharf“ – so ist die Ansage. Und weil der stark reduzierte Verdauungstrakt weniger für den Körper wichtige Nährstoffe aus Speisen gewinnen kann, gibt es sogenannte Supplements, die beispielsweise fehlendes Calcium, Magnesium und Eisen ergänzen. In den Morgenkaffee kommt geschmacksneutrales Proteinpulver, mittags gibt’s eine Suppe und abends oft fettarmen, aber eiweißreichen Quark.
Auf die offensichtliche Veränderung werde er häufiger von Leuten angesprochen, die ihn in größeren Zeitabständen sehen. Die Reaktion reicht von irritiert bis begeistert. „Das freut mich und schmeichelt mir auch“, sagt David Schwarzendahl. Für eine andere Veränderung muss man etwas genauer hinschauen. Denn die geht unter die Haut: Anfangs für alle fünf, inzwischen alle zehn abgenommenen Kilos lässt er sich ein Tattoo stechen. Die Motive haben alle etwas mit seiner Leidenschaft für Punkmusik zu tun, mit seinem Leben. Demnächst will Schwarzendahl wichtige Stationen verewigen: Friesenhagen, wo er aufgewachsen ist, und Frankenthal, seine Wahlheimat.
„Mit 50 bin ich voll“, sagt der Musiker – Künstlername Dave Grave – zu seinen weiteren Tätowierplänen und lacht. Ein paar Körperpartien sind aktuell noch tabu. Denn ein Schritt steht ihm noch bevor: Wenn das Wunschgewicht erreicht ist, irgendwann im kommenden Jahr, folgt eine weitere Operation, bei der die durchs Abnehmen entstandenen Hautlappen entfernt werden. Sein Wunschgewicht hat übrigens einen tieferen Sinn: „83 – mein Geburtsjahr.“
Die Serie
In der Serie „Mein Leben“ wollen wir mit Menschen aus der Region ins Gespräch kommen und sie nach den Besonderheiten ihres Berufs oder ihres privaten Alltags fragen.