Ludwigshafen Die Schönheit der Traurigkeit

Placeholder-Image

Ein beeindruckendes, zweieinhalbstündiges Programm haben Marcel Adam und seine musikalischen Mitstreiter am Mittwochabend im Kulturzentrum Das Haus mit dem Chanson-Programm „Akkordeon, Akkordeon“ geboten.

Im Scheinwerferlicht funkeln auf der linken Bühnenhälfte drei Akkordeons um die Wette. Rechts außen, mit keckem Hütchen und feinem Humor, bedient Christian di Fantauzzi gekonnt sein knallrotes Knopfakkordeon. Der Mann, der virtuos alle Register zieht und die Quetschkommode auch mal flott gegen ein Saxofon austauschen kann, um dabei zugleich mit allen Bandmitgliedern und dem Publikum zu flirten, ist der musikalische Leiter des fünfköpfigen Ensembles. Neben ihm sitzt sein jüngerer Bruder Mario di Fantauzzi am schwarzen Knopfakkordeon, konzentriert und fast meditativ spielend. Und dann ist da noch Vincent Carduccio, der mit Wärme und Feuer dem Tastenakkordeon alle Ehre macht. Während diese drei Herren mehrstimmig mit ihren Instrumenten Assoziationen von Sommer, Saine, Baguette mit feinem Käse und Rotwein heraufbeschwören, sorgt Christian Conrad an Gitarre, Bass und Ukulele für den Rhythmus und die erdige Verbindung zwischen den drei mächtigen Akkordeons. Instrumental eröffnen sie im Kulturzentrum Das Haus die Vorpremiere zum Programm „Akkordeon, Akkordeon“. Das Zusammenspiel ist gleichermaßen energiegeladen und harmonisch. Dann betritt auch der Sänger und Entertainer Marcel Adam die Bühne, und das Quintett ist komplett. Der 1951 in Lothringen geborene Marcel Adam hat seinen Fanclub und sein Stammpublikum dabei. Bereits beim ersten Chanson „Paris s’éveille“, fordert er das frankophile Publikum zum Singen des Refrains auf. Mitorganisiert wurde das Konzert von der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Und tatsächlich schwebt, zart und unsicher zunächst, die Melodie im Raum. Marcel Adam singt Chansons mit viel Gefühl in französischer und deutscher Sprache und auf lothringisch. Dabei erweist er alt bekannten Melodien die Ehre, indem er sie neu arrangiert. So finden beispielsweise „Der Clown“, „Wunder, die es immer wieder gibt“ oder auch das irische Volkslied „Die Rose“ ihren Weg auf die Bühne. Auf französischer Seite sind „Le Lac Majeur“, „L’âme du poète“ und „Ma Môme“ mit im Gepäck der Musiker. Wirklich aufregend sind die lothringischen Eigenkompositionen. Sie erzählen Geschichten, deren Schönheit in ihrer Traurigkeit liegt. Zum Beispiel „S’Onna“, eine Hymne für Marcel Adams Oma, wie sie kartoffelschälend mit ihrer Nachbarin auf der Bank vor dem Haus sitzt. „S’Karoline von Sarreguemines“ erinnert an die kartenlegende Zigeunerin Karolin, die die Internierung in den KZs Buchenwald und Theresienstadt überlebte und anschließend wieder in den kleinen Ort Sarreguemines zurückkehrte. Krieg und Tod sind Themen in den Liedern, die Adam singt – mit einer Wärme und Leichtigkeit, die den Themen die Schwere nehmen, ohne zu beschönigen. Für eine Hommage an Edith Piaf baut er ein Medley mit Gastsängerin Tina di Fantauzzi ein, das jedoch wie ein Fremdkörper im Abend steht. Da scheint zu viel gewollt worden zu sein. Trotz seiner nach einer Krankheit noch nicht in aller Kraft zurückgekehrten Stimme, singt Adam fast zweieinhalb Stunden voll Elan. Bleibt ihm und seinen Mannen nur zu wünschen, dass die Premiere heute im „Bel etage“ in Saarbrücken mit gleicher Intensität über die Bühne geht.

x